Burg und Bischofsresidenz Ziesar

Mit der Restaurierung der alten Bischofsresidenz Burg Ziesar seit 2002 und ihrer Nutzung als Museum für brandenburgische Kirchen- und Kulturgeschichte des Mittelalters hat Brandenburg ein bundesweit herausragendes Denkmal seiner Geschichte von den Anfängen der Romanik bis heute wieder gewonnen.

Burg und Bischofsresidenz Ziesar
Burg Ziesar mit Kapelle, Palas und Bergfried mit “Bischofsmütze”. Links Wirtschaftsgebäude 19. Jh. Foto Gregor Rom CC BY-SA 4.0

Ursprünge

Ziesar (gesprochen Zi-e-sar, von: za jezero = hinter dem See)) geht auf einen slawischen Burgwall, der an gleicher Stelle wie die spätere Bischofsburg lag und eine dazu gehörige Siedlung zurück. Der Ortsname legt noch heute Zeugnis vom slawischen Ursprung der Siedlung ab, der erwähnte See ist aber inzwischen verlandet. Unter Otto dem Großen kam Ziesar unter deutsche Herrschaft und wurde nach der Gründung des Bistums Brandenburg – zusammen mit dem Ort und der Burg Pritzerbe – dem Bischof als Pfründe verliehen. Beim großen Slawenaufstand von 983 und der Zerstörung des Bischofssitzes ging auch die Burg wieder verloren. Nach Wiederherstellung des Bistums und dem Neubau des Doms um 1170 durch Albrecht den Bären bestanden die Bischöfe von Brandenburg auf der Rückerstattung auch ihres früheren Grundbesitzes, der ihren Unterhalt sicherte und dessen Burgen ihnen Schutz boten.

In die Zeit des gezielten Landesausbaus ab etwa 1200 fällt der Neubau der Burg Ziesar und die Gründung der Stadt ausweislich der Architektur der Stadtkirche St. Crucis und dem an vielen Stellen erhaltenen sorgfältig gequaderten Mauerwerk der Burg. Wie in Wiesenburg und in Rabenstein handelt es sich um eine Ringmauerburg, bei der die Burggebäude direkt an die Wehrmauer angebaut sind. Nur der Bergfried steht isoliert innerhalb des Burghofs.

Exakte Quaderung der Feldsteine an der Westwand der Kapelle
Romanisches Mauerwerk 12. Jh. mit exakter Quaderung
Raseneisensteine in der Mauer des Zwischenbaus
Gotisches Mauerwerk 15. Jh. mit einseitig behauenen und verzwickelten Feldsteinen

Bischofsresidenz

1214 wird die Burg als Tagungsort eines Fürstentages unter Teilnahme des Bischofs von Brandenburg zum ersten Mal erwähnt, zu dieser Zeit müssen die wesentlichen Gebäudeteile bereits gestanden haben, wie man am Mauerwerk der unteren Partien der Ringmauer und vieler Gebäude ablesen kann. Weitere Besuche der Bischöfe sind in diesem Jahrhundert bezeugt, bis sie im darauf folgenden beschlossen, Ziesar zur ständigen Residenz auszubauen.

Grund dafür war die ungünstige Machtposition des Bischofs in der Stadt Brandenburg. Zwar residierte er dort im Domkloster, der sogenannten Spiegelburg, doch stand der Dom auf dem Territorium der slawischen Burg, das nun als landesherrschaftliches Eigentum galt und von einem – nur dem Markgrafen verantwortlichen – Burggrafen verwaltet wurde. Das brachte den Bischof in die Bredouille, nicht Herr im eigenen Haus zu sein – zumal auch der Markgraf als Landesherr keine Neigung hatte, seine Herrschaftsbefugnis mit dem Bischof zu teilen. Daraus resultierte der Wegzug aus Brandenburg und der Beschluss fortan auf dem Eigenbesitz in Ziesar zu residieren. Ab 1335 wurde die ehemalige Burg in einen repräsentativen und sicheren Bischofssitz verwandelt. Die Verwaltung des Doms zu Brandenburg sowie die Organisation des Gottesdienstes übergab der Bischof den Chorherren der Prämonstratenser.

Umbauten

Für die Funktion als Residenz musste der romanische Wehrbau an mehreren Stellen verändert werden: Die romanischen Mauern neben dem Burgtor wurden abgerissen und an ihrer Stelle aus Feld- und Raseneisenstein ein stattlicher zweigeschossiger Palasflügel errichtet. Er erhielt Kellerräume mit einer Heizungsanlage und einem Gefängnisraum, darüber, leicht erhöht im Erdgeschoss einen Saal mit Vorraum (die sog. Hofstube für das Gefolge des Bischofs) und seine Privatgemächer im zweiten Stock mit einem Saal für die bischöfliche Repräsentation. Die Bedeutung dieses Gebäudes wird durch den Einbau einer Fußbodenheizung (der älteren von zwei solcher Anlagen) im Keller ersichtlich. Östlich neben dem Palas entstanden innerhalb der romanischen Mauern, aber in neuer Geschosseinteilung und mit neuen Fensterformen weitere Nutzräume der Residenz. Die neuen Räume wurden mit eindrucksvollen, teilweise großformatigen Wandmalereien dekoriert, von denen Reste bei der Restaurierung wieder zutage kamen. Die Umbauten sind am Baumaterial, einseitig bearbeiteten Feldsteinen, die mit Ziegelsplittern „verzwickelt“ wurden, gut zu erkennen.

Burg und Bischofsresidenz Ziesar Kapelle und bischöfliches Wohngebäude. Im Hintergrund der Storchenturm (15. Jh.) und St. Crucius
Kapelle und bischöfliches Wohngebäude. Im Hintergrund der Storchenturm (15. Jh.) und St. Crucis, die Stadtkirche von Ziesar.

Um 1470 wurde die Burg unter Bischof Dietrich von Stechow ein zweites Mal durchgreifend und diesmal sehr repräsentativ umgestaltet, wobei ab jetzt Backsteine verbaut wurden. Der Palas erhielt einen hohen, kreuzgewölbten Saal mit verbesserter Fußbodenheizung und große gotische Fenster wurden in die Hofwand gebrochen. Fresken im gleichen Stil wie die der Burgkapelle schmückten die Räume. Der Bergfried bekam ein kuppelartiges Dach, das man in Form einer Bischofsmütze gestaltete.

Burgkapelle

Westlich des Torgebäudes ließ von Stechow aus Backstein einen großen Neubau im gotischen Stil aufführen. Dieser verwendet im Nordwesten älteres Mauerwerk und steht auf dem exakten Quaderwerk der romanischen Ringmauer der Kernburg, verstärkt durch massive Strebepfeiler. Durch unterschiedliche Bauphasen zeigt die Westfassade der Kapelle ein uneinheitliches Erscheinungsbild: Auf den regelmäßigen Quadern des 12. erhebt sich ungeordnetes Feldsteinmauerwerk des 15. Jh. und darauf ein neugotischer Blendgiebel.

Burg und Bischofsresidenz Ziesar Westwand der Kapelle mit Stützen
Romanische Ringmauer mit Stützen an der Westwand der Kapelle, darüber gotisches Mauerwerk und neogotischer Giebel.
Maria mit Kind in der südlichen Stütze der Kapellenwestwand
Maria mit Kind in der südlichen Stütze der Kapellenwestwand

Zur Hofseite erhielt die Kapelle eine reich dekorierte Backsteinfassade, die mit zum Besten gehört, was in Backstein gestaltet werden kann. Die Schmuckformen weisen Ähnlichkeiten mit denen der Katharinenkirche in Brandenburg und der Schaufassade des Rathauses von Tangermünde auf, woraus sich auf die Existenz einer Bauhütte schließen lässt, die an den genannten Orten tätig war.

Burg und Bischofsresidenz Ziesar Backsteinfassade und Portal der Kapelle nach Umbau im 15. Jahrhundert
Backsteinfassade und Portal der Kapelle nach Umbau im 15. Jahrhundert

Im Inneren der Kapelle ließ sich der Bischof als einziger der Brandenburger Amtsträger auch beisetzen, das Grab wurde jedoch nach der Reformation beseitigt. Die als Türschwelle zwischenzeitlich zweckentfremdete Grabplatte ist jetzt ein Highlight der Ausstellung im Museum der Burg. Die Nachfolger Dietrich von Stechows statteten die Kapelle mit hoch interessanten Illusionsmalereien aus, die Vorhänge und gotisches Maßwerk vortäuschen.

Innenraum der Kapelle
Innenraum der Kapelle

Der Altar stand vor seinem Abriss ursprünglich an der Ostwand, wovon der dort eingemauerte – sehr qualitätvolle und eher nicht in Brandenburg gefertigte – dazugehörige Weihestein noch Zeugnis ablegt. Dargestellt sind der Apostelfürst Petrus in der Mitte, flankiert von den Aposteln Andreas (mit Kreuz) und Paulus (mit Schwert). Links Ägidius, einer der 14 Nothelfer, rechts der heilige König Sigismund. Palas und Kapelle verbindet ein Gang, der über der Toreinfahrt verläuft, so dass der Bischof direkt von seinen Privatgemächern dorthin gelangen konnte.

Wandmalereien in der Kapelle
Wandmalereien in der Kapelle

Vorburg

Spitze des sogenannten Storchenturms aus dem 15. Jh., dem letzten erhaltenen Bauwerk der Vorburg.
Spitze des sogenannten Storchenturms aus dem 15. Jh., dem letzten erhaltenen Bauwerk der Vorburg.

Nördlich des Torbaus der Kernburg erstreckte sich die Vorburg, ein ehemals ummauertes und mit zwei Wehrtürmen ausgestattetes Areal, auf dem sich im Mittelalter die Wirtschaftsgebäude befanden. Nur der so genannte Storchenturm ist von ihr erhalten geblieben. Aus seiner Architektur als Backsteinbau mit rautenförmigen Dekorationsbändern aus schwarzen Ziegeln ist er der Bauphase unter Dietrich von Stechow zuzuordnen. Unter den Rittergutsbesitzern entstanden im 19. Jh. neue Wirtschaftsgebäude westlich der Kernburg.

Neuzeit

Mit der Reformation und der Einziehung kirchlichen Besitzes verlor Ziesar seine Funktion als Bischofsresidenz. Der nunmehrige Kurfürst als neuer Eigner nutzte das Besitztum aber nur wenig, da ihm außerdem noch eine Fülle anderer kirchlicher Gebäude zur Verfügung standen (u. A. die Köster Lehnin, Chorin und Jerichow). Die Burg Ziesar diente nun als Witwensitz und zu gelegentlichen Aufenthalten der Kurfürsten, verfiel aber bald wegen mangelnder baulicher Instandhaltung.

Daraufhin wurde sie als Sitz des Domänen-Amtes Ziesar genutzt, was zu weiteren, verschandelnden Umbauten führte: Im ehemaligen Palas zog man Zwischendecken ein und gestaltete die nunmehr drei niedrigen Geschosse innen barock um. An seiner Außenseite (links neben dem Torhaus) erhielt er eine vorgezogene Fachwerkwand, die verputzt und gelb gestrichen wurde. Der Zwischenbau neben dem bischöflichen Wohngebäude und der Ostflügel verloren ihr Obergeschoss und alle Räume im Innern erhielten einen völlig neuen, kleinteiligen Grundriss. Nach dem Verkauf an Privateigentümer diente die Burg als Sitz eines Ritterguts. Deshalb wurden die Wohngebäude im 19. Jh. nochmals umgebaut und klassizistisch ausgemalt. Nach einem Brand riss man auch noch den an den Bergfried angrenzenden Gebäudeteil ab. Neue Funktionsgebäude entstanden auf alten Mauern, so das dem Palas gegenüber stehende Back- und Brauhaus. (Als im 19. Jh. darin eine Brennerei sowie eine Stärkefabrik eingerichtet wurde, baute man in den Bergfried einen Fabrikschornstein ein!)

Die Burgkapelle verblieb in staatlichem Besitz und nahm eine von den übrigen Gebäuden getrennte Entwicklung: Sie wurde den Calvinisten als Gotteshaus übergeben, die als Bilderfeinde zunächst die Wandmalereien übertünchten, aber sie dadurch auch konservierten. Nach Gründung der Unierten Kirche 1817 und dem Auszug der Calvinisten diente sie zunächst als Lagerraum, bis August Stüler und Ferdinand von Quast (als erster Denkmalsschützer Preußens) ihren Wert erkannten und von 1859 – 1864 eine erste Restauration veranlassten. Ab 1953 wurde sie der katholischen Gemeinde von Ziesar übergeben, die sie auch heute noch nutzt.

Nach 1945

1945 erfolgte die Enteignung der Rittergutsbesitzer und die Burggebäude dienten für zehn Jahre als Flüchtlingsunterkunft. Danach richtete man ein Schulinternat darin ein, was zu weiteren entstellenden Umbauten führte. Diese Nutzung endete 1993 und nach jahrelangem Leerstand kam es 2002 – 2005 endlich zur Restaurierung des völlig heruntergewohnten Gebäudes, bei der die gesamte bauliche Entwicklung (vom romanischen Quaderwerk bis zur DDR-Tapete des Internats) einschließlich bedeutender Teile des romanischen und gotischen Baus wieder sichtbar gemacht wurde.

Rundgang

Burg und Bischofsresidenz Ziesar Bergfried
Bergfried, romanische Mauerreste und romanische Außenfassade eines Nebengebäudes

Bei einem Rundgang um die Kernburg ist man erstaunt, wie viel – angesichts der verwickelten Baugeschichte – von der romanischen Burg um 1200 bis heute erhalten blieb: Wir beginnen im Westen an der Burgkapelle, die auf der nördlichen romanischen Ringmauer steht. Auf dem Weg ostwärts passieren wir das ebenfalls romanische Torgebäude, neben dem sich die barocke Palas-Nordwand erhebt (mit der Fassade des Südbaus der einzige Bauteil der Burg, der nicht aus dem Mittelaltar stammt). Dann folgen die eindrucksvollsten romanischen Teile des Ganzen an der Ostseite: Der Zwischenbau und der Ostflügel aus Feldsteinquadern des 12. und Raseneisensteinen des 13. und 14. Jh. gefolgt vom vollständig original erhaltenen Bergfried mit seiner Haube aus dem 15. Jh. An die Südmauer ist das ehemalige Brau- und Backhaus angebaut, in dem sich im 19. Jh. eine Stärkefabrik befand, im 20. eine DDR-Maschinenausleih-Station (MTS) und aktuell eine Dienststelle des Amts Ziesar. Abgesehen von seiner hofseitigen Fassade aus dem 20. Jh. enthält es ebenfalls noch viel romanische Bausubstanz. An der teilweise niedergelegten westlichen Schildmauer betreten wir den Burghof mit der Prachtfassade der Burgkapelle. 

Romanisches Mauerwerk an der Außenwand des Zwischengebäudes
Romanisches Mauerwerk im ersten Geschoss der Außenwand des Ostflügels, Raseneisenstein im gotischen Obergeschoss.

Die an die Kapelle angrenzenden Gebäude Torhaus, Palas, Zwischenbau und Ostflügel werden jetzt als “Museum für brandenburgische Kirchen- und Kulturgeschichte des Mittelalters” genutzt und enthalten auch im Innern noch viele romanische Mauerzüge. Höhepunkte sind hier die mittelalterlichen Heizanlagen, der seit dem 14. Jh. als Gefängnis dienende Keller unter dem Palas mit seinen 500 Jahre alten Graffiti und die freigelegten gotischen Malereien. Sie zeigen den gleichen Stil wie die in der Kapelle und befinden sich in den bischöflichen Privaträumen. Im Palas und dort speziell in dem hervorragend erhaltenen Erkerraum in der Nordostecke findet sich illusionistische Architekturmalerei von höchster Qualität. Weitere Fresken (wenn auch sehr verblasst) befinden sich im so genannten Jerusalems-Raum im Ostflügel. Zu den Exponaten des Museums gehört die rekonstruierte Gebäudeecke des hölzernen Vorgängerbaus der Dorfkirche Haseloff, ein einzigartiges Dokument der ersten Bauphase der Romanik in Brandenburg. Ebenfalls eindrucksvoll ist die wieder aufgefundene Grabplatte Dietrichs von Stechow in dem schönen kreuzgewölbten Raum über der Tordurchfahrt. Der Bergfried kann bestiegen werden und bietet einen fantastischen Blick auf die Burganlage und auf die in ziemlicher Entfernung gelegene Stadt Ziesar mit der Stadtkirche St. Crucis.

Grundriss

Burg Ziesar, Grundriss nach Georg Dehio, gemeinfrei.
Burg Ziesar, Grundriss nach Georg Dehio, gemeinfrei.

Infobox


Adresse

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Empfohlene Route

Südwestliche Route

Offizielle Website

Burgmuseum Ziesar