Geschichte Brandenburgs zur Zeit der Romanik

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Germanen und Slawen

Der Landstrich, dessen Geschichte hier erzählt wird und dessen romanische Bauwerke beschrieben werden, erstreckt sich zwischen der Elbe im Westen, der Linie Elster-Elbe im Süden, Oder und Neiße im Osten und der heutigen Landesgrenze Brandenburgs im Norden. Wie der gesamte Siedlungsraum östlich der Elbe, war er bis zum Beginn der Völkerwanderung von Germanen bewohnt, die den Stämmen der Semnonen und Sueben angehörten. Als diese aus nicht hinreichend geklärten Gründen nach Süden und Südwesten abgezogen waren, rückten aus dem Süden und Osten Slawen in die weitgehend menschenleeren Gebiete nach. Das Land blieb jedoch, wie auch schon zuvor, dünn besiedelt. Verbreitete, wenig fruchtbare Sandflächen, ausgedehnte Überschwemmungsgebiete und dichte Wälder waren die Ursache hierfür.

Raddusch im Spreewald: Rekonstruktion der slawischen Fliehburg.
Raddusch im Spreewald: Rekonstruktion der slawischen Fliehburg. Originalbild beschnitten.
Von A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) – Eigenes Werk, FAL

Die Wanderungsbewegung der Slawen war die Folge von Völkerverschiebungen noch weiter östlich, beispielsweise durch die der Awaren vom Aralsee zum Schwarzen Meer im 6. Jh. n. Chr. und erstreckte sich über den Zeitraum von ca. 600 bis 750 n. Chr. Sie betraf die Volksstämme der Obodriten, Wilzen und Pomoranen im Norden, der Heveller und Spreewanen in der Mitte und der Lutizen und Sorben im Süden des von uns behandelten Gebiets. Als Sammelname für die Slawen im Bereich Brandenburgs bürgerte sich die Bezeichnung “Wenden” ein. Die meisten wendischen Stämme waren noch nicht christianisiert und gehörten auch nicht zum (christlichen) Herrschaftsgebiet der Piasten und Přemysliden, den Gründern des polnischen und böhmischen Staats. Ihre Oberschicht teilte nicht deren Aufstieg zu ebenbürtigen europäischen Fürstenhäusern. Im 12. Jh. begann sie sich jedoch ebenfalls dem Christentum zuzuwenden. Die Untertanen lebten in unbefestigten Dörfern, meist in der Nähe eines sogenannten Burgwalls oder einer Fliehburg. Von diesen befestigten Plätzen haben sich Spuren in Form von Erdaufschüttungen bzw. von Erdverfärbungen als Rest von Holzpfählen erhalten, so dass es möglich war, ihre Form zu rekonstruieren. Bei Raddusch im Spreewald wurde auf der Basis archäologischer Erkenntnisse eine solche Fliehburg wieder aufgebaut.

Karolinger und Ottonen

Das im Jahre 800 durch die Dynastie der Karolinger geschaffene deutsch-römische Reich hielt in mehreren Feldzügen gegen die Wenden den formalen Herrschaftsanspruch auf die Gebiete östlich der Elbe aufrecht. Durch die Einrichtung der so genannten Grenzmarken, deren Gebieter, die Markgrafen, eine hervorragende Stellung im Kreis der Reichsfürsten einnahmen, wurde die Eroberung des slawischen Territoriums am anderen Elbufer vorbereitet.

Als die Herrschaft des deutsch-römischen Reiches von den fränkischen Karolingern auf die sächsischen Liudolfinger übergegangen war, griff König Heinrich I. den Stamm der Heveller an. Er nahm ihre Residenz, die Brandenburg ein, begnügte sich nach dem Sieg jedoch mit einer lockeren Oberhoheit über die Slawen. Sein Sohn Otto der Große wollte die Kontrolle über die ostelbischen Gebiete verstärken. Er verlieh seinem Vertrauten Graf Gero ehrenhalber den seit den Karolingern nicht mehr verwendeten Titel “Markgraf” und beauftragte ihn, die Slawenlande zwischen Saale, Elbe, Elde, Peene, Oder, Neiße und Erzgebirge im Auftrag des Königs zu verwalten, Tribute einzutreiben, Rebellionen niederzuwerfen und Einfällen von außen entgegenzutreten. Dazu wurden überall im Lande Burgwarde gegründet, Bezirke, wo im Schutze einer (von den Sachsen beherrschten) Burg mehrere (meist slawische) Dörfer lagen.

Gebietsaufteilung und kirchliche Organisation

Nach Geros Tod (965) wurden aus der so genannten sächsischen Ostmark mehrere kleinere Marken gebildet. Die heutige Mark Brandenburg gehörte nun zur Nordmark, die im Süden vom Fläming begrenzt wurde. Andere Marken östlich der Elbe waren die Mark Lausitz und die Mark Meißen. Zur Christianisierung der Slawen in der Nordmark hatte Otto der Große schon 948 die Bistümer Havelberg und Brandenburg gegründet. Sie wurden später dem 968 geschaffenen Erzbistum Magdeburg unterstellt. Das Bistum Brandenburg erstreckte sich über die Mark Brandenburg, aber auch Teile des Erzstifts Magdeburg, von Anhalt und von Sachsen-Wittenberg.

Bischöfe und Bistümer

Die christliche Tradition führt das Bischofsamt auf die Lehr- und Leitungsvollmacht zurück, die Jesus den zwölf Aposteln übertrug. Nach sogenanntem göttlichen Recht sind alle heutigen Bischöfe in einer ununterbrochenen Reihe mit den Aposteln verbunden. Aus dem in seiner Echtheit umstrittenen Zitat in Matthäus 16, 18f leitet sich die katholische Überzeugung ab, dass Jesus den Apostel Petrus vor allen anderen mit seiner Stellvertreterschaft auf Erden beauftragte und ihn dadurch an die vorderste Stelle der Kirche als Institution setzte. Da Petrus auch als erster Bischof von Rom gilt, geht aus dieser Stellvertreterschaft Christi der Primat des Bischofs von Rom vor allen anderen Bischöfen hervor. Als Papst ist er ihr Vorgesetzter und mit dem Recht zur Ein- und Absetzung ausgestattet.

Ein Bistum ist ein territorial definierter kirchlicher Verwaltungsbezirk, in dem ein Bischof die kirchliche Leitungsfunktion inne hat, ein Erzbistum ein ganz besonders wichtiges oder über andere gestelltes, so wie im Rahmen dieser Publikation das Erzbistum Magdeburg. Zur Finanzierung des gesamten Klerus im Bistum diente eine Steuerzahlung der Untertanen, der Kirchenzehnte, der vor der allgemeinen Durchsetzung der Geldwirtschaft meist in Naturalien entrichtet wurde. Zusätzlich gehörte zum Amt eines Bischofs und seines Bistums auch dessen Ausstattung mit weltlicher Macht: Der Landesherr übertrug dem Bischof ein Territorium, das so genannte Hochstift, dessen Einkünfte er für sich verwenden konnte und in dem er das politische Sagen hatte.

Aus solcher Doppelfunktion der Bischöfe (Inhaber sowohl geistlicher als auch weltlicher Macht) erwuchs im Mittelalter der Investiturstreit, ob primär dem Papst oder dem Kaiser das Recht zur Einsetzung der Bischöfe zustünde. 1122 wurde im Wormser Konkordat ein Kompromiss (mit Vorteilen zugunsten des Papstes) geschlossen: Der Papst ernannte den Bischof und vollzog die Weihe, anschließend erfolgte die Einsetzung in das weltliche Amt durch den Kaiser. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund verlief auch die Errichtung der kirchlichen Strukturen in den neuen Territorien östlich der Elbe.

Bistum Brandenburg

Im Rahmen der Doppelfunktion gehörte zum Bistum Brandenburg auch das Hochstift Brandenburg, d. h. das weltliche Territorium des Bischofs, in dem er neben seiner geistlichen Funktion auch als Reichsfürst herrschte. Das Hochstift war ein unmittelbares (d. h. nur dem Kaiser verantwortliches) Herrschaftsgebiet des Heiligen Römischen Reichs und nicht Teil der Mark Brandenburg, auch war der Bischof dem Markgrafen nicht unterstellt. Anders als die traditionellen Bistümer (Mainz, Köln, Trier) war es aber mit nur geringem Grundbesitz ausgestattet, nämlich allein den Burgen Brandenburg, Pritzerbe und Ziesar und den dazu gehörigen Pfründen.

Wahrscheinlich wollte der Kaiser in der so wichtigen ersten Phase der Eroberung die Macht des Markgrafen nicht schmälern. Die Bischöfe mussten sich die Burg Brandenburg, auf deren Gelände die Kathedrale des Bistums stand, sogar noch mit dem Landesherrn und dem Kaiser teilen. Daraus resultierte eine deutlich schwächere Stellung der Brandenburger Bischöfe im Vergleich zu ihren Kollegen im Altreich, wogegen dem Markgrafen eine überragende Machtposition eingeräumt wurde.

Slawenaufstand

In die Neuorganisation des Landes östlich der Elbe bezogen die Ottonen die altansässige slawische Bevölkerung viel zu wenig ein und die neuen Herren zeigten wenig Skrupel im Umgang mit der einheimischen Oberschicht. Z. B. soll Markgraf Gero 30 Wendenhäuptlinge zu einem Festmahl eingeladen und anschließend umgebracht haben. Und auch die Christianisierung erfolgte mehr zwangsweise als durch Überzeugung. So ist es nicht verwunderlich, dass schon 983 ein großer Slawenaufstand die ottonische Herrschaft beendete, wobei auch die neu gegründeten Bischofssitze Brandenburg und Havelberg wieder verloren gingen. Die Slawenfüsten übernahmen ihre ehemaligen Gebiete und die Christianisierung erlitt einen herben Rückschlag. Auch wenn sich an dieser Situation im 11. Jahrhundert und für insgesamt 150 Jahre nichts mehr änderte, hielt das deutsche König- und Kaisertum weiterhin an seinem Anspruch auf das Land östlich der Elbe fest. Deshalb wurden die entsprechenden Markgrafen- und Bischofsämter auch weiterhin besetzt, auch wenn die Amtsinhaber im Exil residierten und ihre Macht nur noch formal existierte.

Albrecht der Bär

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Statue Albrecht der Bär
Fiktive Figurengruppe: Albrecht der Bär flankiert von Bischof Wigger von Brandenburg (links) und Bischof Otto von Bamberg; Postkarte 1898, Denkmalgruppe 1 Siegesallee Berlin. Walter Schott [Gemeinfrei]

Den Slawenfürsten gelang es jedoch nicht, im wiedergewonnenen Land stabile Herrschaftsstrukturen zu etablieren. Zu häufig lagen sie miteinander im Streit, auch traten einige von ihnen freiwillig zum Christentum über. Die germanischen Fürsten westlich der Elbe nutzten diese Situation gern zur Einmischung, nicht zuletzt um die Option einer Rückeroberung aufrecht zu erhalten; insbesondere die Grafen von Ballenstedt aus dem Hause Askanien taten sich dabei hervor.  (Der Name der Askanier leitet sich vom latinisierten Namen der Stadt Aschersleben ab und nicht von Ascanius, dem Sohn des Äneas, wie mancher Hof-Historiograph gern behauptete).dabei hervor.

Als Adelbertus von Ballenstedt (1100 – 1170) 1134 von Kaiser Lothar III. mit der Nordmark belehnt wurde, strebte er eine erneute Eroberung des Landes an, diesmal auf soliderer Basis als unter den Ottonen. Adelbertus, später bekannt geworden unter dem Namen Albrecht der Bär, hatte bereits um 1125 einen Erbvertrag mit dem getauften Hevellerfürsten Pribislaw geschlossen, der ihm im Falle des Aussterbens der slawischen Dynastie die Nachfolge im Herrschaftsgebiet Brandenburg zusicherte. Als Gegenleistung dafür hatte Albrecht Pribislaw wohl bei der Etablierung seiner Herrschaft unterstützt.

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Slawen im Brandenburger Raum um 1150
Slawen im Brandenburger Raum um 1150. Sansculotte nach Vorlage von Lienhard Schulz [CC BY-SA 3.0]

Zunächst stärkte Albrecht die Strukturen der Kirche östlich der Elbe. Er übernahm die weltliche Schutzherrschaft (Vogtei) über das 1129 gegründete Prämonstratenserkloster Liebfrauen in Magdeburg, dessen Ordensgeistliche die Missionierung im Slawengebiet übernehmen sollten. Als reiner Priesterorden erschien die vom Hl. Norbert in Prémontré gegründete adlige Mönchsgemeinschaft dafür besonders geeignet. 1139 bzw. 1144 gründeten die Mönche östlich der Elbe die Klöster Leitzkau und Jerichow, für die Albrecht ebenfalls die Vogtei übernahm.

Allerdings war Albrecht nicht der Einzige, der seine Herrschaft auf ostelbische Gebiete auszuweiten trachtete, Konkurrenz erwuchs ihm durch den Erzbischof von Magdeburg, die wettinischen Markgrafen der Lausitz und von Meißen, die Herzöge von Sachsen, Schlesien und Pommern sowie den dänischen König (als zeitweiligem Herrscher Pommerns), die ebenfalls die Vergrößerung ihrer Herrschaftsgebiete im Osten anstrebten.

Wendenkreuzzug

Ein merkwürdiges Ereignis, in dem sich diese konkurrierenden Unternehmungen bündelten, war der Wendenkreuzzug von 1147. Er fällt in die Zeit des Zweiten Kreuzzugs, in der die krude Idee einer „Rückeroberung“ der Heiligen Stätten in Palästina (die ja schon 500 Jahre lang nicht mehr im Besitz des – jetzt byzantinischen – Kaisers waren) das Denken von Klerus und Fürsten in Europa ergriffen und bereits zu einer bodenlosen Vergeudung von Menschenleben und Ressourcen geführt hatte. Aber der vom Papst ausgegebenen Maxime „Gott will es“ konnten und wollten sich sowohl Herrscher als auch Untertanen nicht entgegenstellen.

Bei weitsichtigeren Fürsten entstand deshalb die Idee einer „Umlenkung“ der Kreuzzugsbewegung. Ganz Europa war von „heidnischen“ Gebieten umgeben und in vielen Grenzgebieten gab es Konflikte zwischen der christlichen Kirche und nichtchristlichen Bewohnern. (Inbesondere, wenn eine aggressive Missionspolitik betrieben wurde wie zu Zeiten Markgraf Geros östlich der Elbe). Anstatt die „Ungläubigen“ so fern der Heimat zu bekämpfen, konnte man das doch viel besser „zu Hause“ erledigen und dabei das eigene Territorium um „herrenloses Land“ erweitern. Besonders geeignet erschienen dabei die dünn besiedelten Gebiete zwischen Elbe und Oder, auf die uralte Ansprüche bestanden und deren Fürsten weder genug politische noch militärische Macht besaßen, sich den Eroberern entgegenzustellen.

Vor allem der Sachsenherzog Heinrich der Löwe erkannte das Potenzial dieser  neuen „Ostpolitik“ und vernachlässigte bei ihrer Verfolgung seine Pflichten als Lehensmann des Kaisers Friedrich Barbarossa so gravierend, dass dies zu seinem späteren Sturz führte. Doch zunächst stellte er sich an die Spitze des so genannten Wendenkreuzzugs, einer so durchschaubaren Unternehmung, dass auch alle oben genannten Konkurrenten um neues Siedlungsland sofort an seiner Seite standen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Albrecht der Bär war als Erster dabei, aber auch der König von Dänemark wollte nicht zurückstehen. Die geografische Zielrichtung lag dabei für Heinrich den Löwen nördlich (im Gebiet von Elbe und Elde), für Albrecht den Bären in der Mitte (in Brandenburg), für die Magdeburger und Sachsen im Süden (in der Lausitz und in Meißen), während sich die Dänen auf das nordlöstliche Oderland konzentrierten.

Ziele einer solchen Unternehmung zu formulieren, fiel schwer, denn wenn man aufrief, Ungläubige zu töten, beraubte man sich der zukünftigen potentiellen Untertanen, ging es um bloße Eroberung, war die kriegerische Auseinandersetzung mit Konkurrenten unausweichlich. Der Verzicht auf die allzu radikale Umsetzung der Kreuzzugsidee bewirkte, dass der Zug gegen die Wenden nicht die Gräuel seiner Vorbilder wiederholte, sondern sich die Einsicht durchsetzte, dass neue Gebiete nur durch friedliches Zusammenleben mit den Einheimischen und Entwicklung und Ausbau des Landes dauerhaft zu gewinnen waren. Der „Kreuzzug“ beschränkte sich dabei (mit einigen unschönen Ausnahmen) auf das Abstecken der Einflusssphären der Konkurrenten und wurde auch bald beendet.

Leitzkau als Basis des Landesausbaus

Albrecht der Bär zog die meisten Vorteile aus diesem Unternehmen, denn ihm gelangen Maßnahmen mit weitreichenden Folgen: Die Erneuerung der Bischofssitze Havelberg und Brandenburg, die Gründung einflussreicher Klöster und die Anwerbung von Siedlern, die unverzüglich mit dem Landesausbau begannen. Als Basis für diese Unternehmung hatte Albrecht ein schmaler Landstreifen östlich der Elbe nahe Magdeburg gedient, der auch nach dem Aufstand unter christlicher Herrschaft verblieben war.

In Leitzkau schuf er an der Stelle, wo schon um 1102 Hartbert als nomineller Bischof von Brandenburg einen Fachwerkbau errichtet hatte, einen Stützpunkt der christlichen Mission des Ostens. Später ersetzte man diesen Bau schrittweise durch eine Steinkirche, das Baumaterial war Grauwacke aus den Steinbrüchen bei Gommern. 1114 wurde das erste Teilstück St. Petrus, dem Schutzheiligen des Bistums Brandenburg, geweiht. Da Albrecht der Bär zusammen mit der Eroberung der verlorenen Gebiete auch die Erneuerung des Bistums Brandenburg plante, ließ er 1133 durch das Magdeburger Liebfrauenkloster an der genannten St. Petrikirche in Leitzkau ein Prämonstratenser-Chorherrenstift einrichten, dessen Kleriker diese Aufgabe durchführen sollten.

Die älteste Kirche Brandenburgs

St. Petrikirche Leitzkau. Ansicht von Nordwest.
St. Petrikirche Leitzkau. Ansicht von Nordwest.

Propst Wigger (Stellvertreter des Abts im magdeburgischen Liebfrauenkloster) wurde 1138 zum nominellen Bischof des Bistums Brandenburg mit Sitz in Leitzkau geweiht. Ab 1139 wohnte er hier im Chorherrenstift, in einer Gemeinschaft von Klerikern, die zwar nach den Ordensregeln des Augustinus lebten, aber auch Weltgeistliche waren, denen es erlaubt war, das Kloster zu verlassen. Ihre Aufgaben waren Dienst am Menschen durch priesterliche Seelsorge und theologische Studien, aber auch alltägliche Arbeit.

Eine Urkunde von 1139 bestätigte der Gemeinschaft alle Rechte und Institutionen eines bischöflichen Amts, wertete sie also zum Domstift auf, doch die Mönche führten den Bau ihrer schlichten Kirche einfach weiter: Bis 1140 entstand eine kleine (nur 40 m lange) dreischiffige Basilika mit Querschiff und sehr langem einschiffigem Chor. Sie besaß eine Hauptapsis am Chor und zwei Nebenapsiden am Querschiff. Wahrscheinlich erhoben sich über den Armen des Querschiffs zwei Türme, worauf der heutige (später veränderte) noch hindeutet. Über den ersten beiden, etwas dickeren Pfeilern im Westen (außen als Mauervorsprung sichtbar) wird sich eine Empore oder Herrscherloge befunden haben. Dieses unprätentiöse Gebäude, von dem trotz aller Entstellungen noch bemerkenswerte Teile erhalten blieben, ist der älteste noch stehende Steinbau des Bistums Brandenburg!

Leitzkau St. Petri Grundrisse
Leitzkau, St. Petri, Vergleich Original und heutiger Zustand.
Schwarz: romanisch, weiß: verschwundene Seitenschiffe und Apsiden, schräg-schraffiert: Vermauerungen, kreuz-schraffiert: Neubau

Nach Abriss der Apsiden und Seitenschiffe, der Vermauerung der Mittelschiffsarkaden und der Veränderung aller Fensteröffnungen muss man allerdings intensiv in der Struktur des Mauerwerks der heutigen Dorfkirche „lesen“, um die Reste der „ersten Kathedrale Brandenburgs“ noch zu identifizieren. Damit steht gerade dieses Bauwerk exemplarisch für das, was die brandenburgische Romanik ausmacht: Etwas scheinbar Unspektakuläres entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als durchaus bedeutend und kann eine faszinierende Geschichte erzählen.

St. Petrikirche Leitzkau. Nordansicht des Schiffs mit zugesetzten Obergadenfenstern und vermauerten Arkaden zum abgerissenen Seitenschiff.
Nordansicht des Schiffs mit zugesetzten Obergadenfenstern und vermauerten Arkaden zum abgerissenen Seitenschiff. Farb-Visualisierung A. Soujon
Nordseite des (einschiffigen) Chors mit zugesetzten Rundbogenfenstern und Priesterpforte.
Nordseite des (einschiffigen) Chors mit zugesetzten Rundbogenfenstern und Priesterpforte. Farb-Visualisierung A. Soujon

Sancta Maria in Monte

Schloss Leitzkau (St. Marienkirche). Ansicht von Westen.
Renaissanceschloss Leitzkau und Westteil der Klosterkirche

Eine bescheidene Anlage wie die von St. Petri konnte den Repräsentationansprüchen eines Domstifts und Bischofssitzes natürlich nicht dauerhaft genügen, deshalb veranlasste Wigger bereits 1142 einen kompletten Neubau auf einem Hügel etwas außerhalb von Leitzkau. Die zweitürmige, monumentale Klosterkirche „Sancta Maria in Monte“, benannt nach der Schutzheiligen des Liebfrauenklosters in Magdeburg (woher die Mönche kamen), entstand wie die umfangreichen Konventgebäude bis 1155. Durch die Säkularisierung des Kirchenbesitzes nach der Reformation ist die Kirche als Teil des Münchhausenschlosses (das in der Renaissance auf den Klostermauern errichtet wurde) in großen Teilen bis heute erhalten geblieben, wenn auch nur als malerische Ruine.

Leitzkau Klosterkirche. Ansicht von Norden.
Leitzkau Klosterkirche, Ansicht der Ruine von Nordwesten.

Der Strom der Geschichte jedoch verlief in eine andere Richtung: Wigger nahm noch 1147 am Wendenkreuzzug teil und versuchte negative Einwirkungen desselben auf sein künftiges Bistum zu verhindern, als der (nunmehr christliche) Slawenfürst Pribislaw kurz vor seinem Tod 1150 Wiggers Prämonstratenser nach Brandenburg an der Havel berief. Sie sollten dort ein Domkapitel mit einer Kathedrale aufbauen, was sie am Standort der heutigen St. Gotthard Kirche umgehend zu verwirklichen begannen, während das Kloster in Leitzkau mehr und mehr an Bedeutung verlor.

Landesausbau

Die “Nordmark” war territorial nur vage definiert und das ließ viel Spielraum für weitere Eroberungen, insbesondere von Albrechts Konkurrenten. Burgenbau, Gründung von Städten und Dörfern sowie die Herbeirufung von Zisterziensern und anderer Orden waren wichtige Instrumente zur Konsolidierung solcher Eroberungen und deshalb folgten auch alle Mitbewerber Albrechts Beispiel. Die Klöster Jerichow und Zinna waren z. B. Magdeburger Gründungen, Dobrilugk eine der Wettiner aus Meißen, die Festung “Grützpott” bei Stolpe dänisch und die Burgen Belzig, Rabenstein und Wiesenburg sächsisch.

Im Kerngebiet der Mark Brandenburg setzte sich jedoch Albrecht der Bär souverän durch. Als der Hevellerfürst Pribislaw, der nach seiner Taufe den germanischen Namen Heinrich angenommen hatte, 1150 starb, hielt Albrecht die Zeit für die endgültige Rückgewinnung des Landes gekommen. Wie schon beim Wendenkreuzzug erwähnt, ging es dabei nicht um Vertreibung und Ausrottung der Slawen, sondern um den dauerhaften Erwerb des Landes und dessen Entwicklung und Neuordnung. Als erstes besetzte Albrecht die Burg Brandenburg, musste aber zunächst den Rückschlag hinnehmen, dass ihm der polnisch/wendische Fürst Jaxa, der ebenfalls Anspruch auf Pribislaws Erbe erhob, diesen Stützpunkt wieder abnahm.

Markgraf in Brandenburg

Erst als Jaxa – der übrigens auch bereits Christ war – besiegt und auf seine Herrschaft Köpenick zurückgedrängt war, konnte Albrecht die erste überlieferte Urkunde ausstellen, in der er sich „Markgraf in Brandenburg“ nannte. Dass die Übernahme relativ friedlich erfolgte, sieht man an der Tatsache, dass Jaxa seiner Herrschaft nicht enthoben wurde, sondern 1176 eines friedlichen Todes starb, nachdem er sein Herrschaftsgebiet zwischen Dahme, Spree und Oder an den (slawischen) Herzog von Pommern vererbt hatte. Auch von Massakern an der slawischen Bevölkerung und von Vertreibungen erzählen die geschichtlichen Quellen kaum etwas. Vielmehr von Ortsnamen mit dem Präfix “Wendisch”, wo die Slawen unter sich blieben oder von deutschnamigen Orten mit ausschließlich deutschen Einwohnern.

In der Regel lebten beide Volksgruppen miteinander, die Slawen allerdings häufiger als Dienstleute, weil ihnen in der Regel weniger Land als den Neusiedlern zugeteilt wurde. Der heute noch gebrauchte Ausdruck “Kietz” bezeichnete damals eine slawische Dienstmannensiedlung am Ortsrand von Burgorten, jedoch erfolgte die gegenseitige Assimilierung und Vermischung relativ schnell. Der einzige Slawenstamm, der auch heute noch Wert auf seine herkunftsmäßige und kulturelle Eigenständigkeit legt, sind die Sorben in der Lausitz.

Siedlungspolitik

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Die deutsche Besiedelung der slawischen Gebiete.
Die deutsche Besiedelung der slawischen Gebiete. Zugeschnitten auf den für uns relevanten Kartenausschnitt.
Von Ziegelbrenner – Eigenes Werk based on Walter Kuhn: Die bäuerliche deutsche Ostsiedlung Source of Information: Putzger – Historischer Weltatlas (Jubiläumsausgabe); 85. Auflage, 1963, Velhagen & Klasing (Bielefeld u.a.), S. 54f; Putzger – Historischer Weltatlas, 89. Auflage, 1965; Westermanns Großer Atlas zur Weltgeschichte, 1969; Haacks geographischer Atlas. VEB Hermann Haack Geographisch-Kartographische Anstalt, Gotha/Leipzig, 1. Auflage, 1979; dtv-Atlas zur Weltgeschichte Band 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution; 23. Aufl. 1989, ISBN 3-423-03002-X., CC BY-SA 3.0 ,

1165 konnte der Grundstein des Brandenburger Doms gelegt werden, 1170 (im Todesjahr des Markgrafen) folgte die Einweihung des Havelberger Doms. Gleichzeitig begann Albrecht das Ausbauprogramm zur Sicherung des Landes: Siedler aus der Altmark, den askanischen Stammbesitzungen am Harz, aber auch aus Flandern und vom Rhein wurden in die neue Mark Brandenburg gerufen.

Neusiedler

Viele Niederländer verließen ihre damals von schweren Sturmfluten geplagte Heimat und beteiligten sich zunächst am Deichbau an der Elbe, bevor sie ins neu gewonnene Land östlich des Flusses weiterzogen. 1160 wurden Brandenburg, Havelberg, Werben, Arneburg, Tangermünde, Osterburg und Salzwedel als Hauptburgen der Mark genannt und zur gleichen Zeit erhielt Stendal das Stadtrecht nach Magdeburger Art, womit die Gründung von Städten in Brandenburg eingeleitet wurde.

Die Neusiedler wurden mit Privilegien und Versprechen angeworben, weil von Kriegsgefangenen und Fronarbeitern wenig Effizienz zu erwarten war. Als Anreiz zur Auswanderung in Richtung Osten befreite man sie in den ersten Jahren vom Zehnten und sonstigen Abgaben, bis das urbar zu machende Land Erträge abwarf. Die Abgaben waren dann im Vergleich zur Heimat weit weniger drückend und der Zug nach Osten brachte auch einen Gewinn an persönlicher Freiheit.

So konnten Neusiedler zu Erbpächtern werden, der Pächter konnte im Falle der Einigung mit dem Grundherrn sogar sein Land verkaufen und sich im Erbfall seinen Nachfolger selbst wählen. Das Land konnte ohne Erbteilung als Ganzes vererbt werden und blieb dadurch profitabler. Unbemessene Frondienste wie z.B. Hilfe beim Kirchen- oder Burgenbau für den Bischof oder den Landesherrn und die Pflicht zur Heeresfolge gab es hier nicht, so dass sich die Bauern ganz auf die Entwicklung ihres neuen Landes konzentrieren konnten.

Lokatoren

Rechte und Pflichten der Neusiedler regelte man oft in einem Lokatorenvertrag. Der Landesausbau der Mark Brandenburg stellte eine große kulturelle Leistung dar und wurde nach einem einheitlichen Plan durchgeführt, aus dem sich auch die große Anzahl mittelalterlicher Dorfkirchen erklärt, denn laut Plan sollte in jedem neu gegründeten Dorf eine Kirche entstehen. Eine Bauernstelle war jeweils für den Pfarrer vorgesehen, der ebenfalls zur Gruppe der Neusiedler gehörte. Auf diese erste Ansiedlungsaktion unter Albrecht dem Bären und seinem Sohn Otto I. im Fläming erfolgte unter seinen Enkeln Otto II. und Albrecht II. nach 1200 eine zweite, wesentlich größere Besiedelungsphase. Diese dehnte sich auch auf die Gebiete des Teltow im Süden und des Barnim im Osten aus.

Die Lokatoren spielten als Gründungsunternehmer eine wichtige Rolle im Prozess des geplanten Landesausbaus. Sie gehörten zum niederen Adel oder zur gehobenen Schicht der Stadtbürger und wenn sie hinreichende Erfahrungen und eine für die damalige Zeit gute Ausbildung mitbrachten, sowie über ein größeres Vermögen und gute gesellschaftliche Verbindungen zum Feudalherrn und dem Klerus verfügten, stand ihnen eine gute Karrieremöglichkeit offen. Im Auftrage eines Grundherrn oder auch eines Bischofs waren sie für die Anwerbung der Siedler sowie für die Urbarmachung, Vermessung und Zuteilung des zu erschließenden Landes verantwortlich.

Die Angeworbenen mussten in der Anfangsphase der Neusiedlung versorgt und mit Arbeitsmaterialien wie Saatgut, Zugtieren oder Pflug ausgestattet werden. Der Lokator hatte somit bei der Gründung von Städten und Dörfern die wichtigste Funktion, oftmals erhielt der neu gegründete Ort seinen Namen (Heinrichsdorf = Heinersdorf, Richardsdorf = Rixdorf, Reinhardsdorf = Reinickendorf).

Der Lokator wird Schulze

Bei der Landverteilung erhielt der Lokator die doppelte Menge Land – das er auch von Dienstleuten (Kossäten) bearbeiten lassen konnte – und wurde Dorfschulze, der auch die Steuern eintrieb und selbst von der Steuerzahlung befreit war. Die Einnahmen gingen zu je einem Drittel an den Grundherrn, die Kirche und den Lokator. Der Landesherr konnte ihm dieses Amt auch als erbliches Lehen geben – er wurde damit Lehnschulze – oder ihn zum Besitzer eines Ritterguts machen, womit er in den Adelsstand aufstieg.

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Lokator und Hausbau Sachsenspiegel
Lokator und Hausbau. Von Eike von Repgow – Heidelberger Sachsenspiegel, Gemeinfrei

In der um 1300 entandenen Heidelberger Handschrift des Sachsenspiegels findet sich eine ebenso schöne wie aufschlussreiche Illustration. Sie zeigt die Rolle des Lokators und die grundlegenden Vorgänge beim Landesausbau im Osten: Eine höhergestellte Person überreicht links dem durch einen Hut gekennzeichneten Lokator die mit einem dreieckigen Siegelanhang versehene Gründungsurkunde („Ego dei gratias … = Ich, von Gottes Gnaden …). Darauf beginnt in der Mitte die Rodung des neu erworbenen Landes. Mit dem dabei gewonnenen Bauholz werden Häuser gebaut (rechts). Der untere Bildteil stellt eine Gerichtsszene dar, in der der Lokator vor dem Westteil der bereits fertig gestellten Kirche zu Gericht sitzt. Er beruft sich dabei auf eine ebenfalls mit dreieckigem Siegel versehene Urkunde.

Siedlungsformen: Städte

Stadtentwicklung

Städte hatten sich in den deutschen Kernlanden zumeist aus einer Keimzelle entwickelt, einem Brennpunkt, an dem viele Menschen zusammenkamen. Das konnte eine Furt durch einen Fluss, die Kreuzung wichtiger Straßen, die Nähe einer sie beschützenden Burg oder ein Kloster sein. Die Einmündung eines Flusses in einen anderen, ein Rastplatz zwischen zwei schon bestehenden Städten oder eine Schutz bietende Topografie (Insel- oder Höhenlage) waren weitere Faktoren, die zur Bildung einer Ansiedlung führten. In Süd- und Westdeutschland kamen noch die römischen Kastelle und Städte hinzu, die am Ende der Antike von ihren Gründern aufgegeben und verlassen wurden. Im Frühmittelalter nistete sich hier die einheimischen Bevölkerung ein und machte die zu Ruinen verkommenen Steinbauten neuen Zwecken nutzbar.

In allen Fällen dauerte es geraume Zeit, bis sich aus einer Keimzelle eine Stadt entwickelte. Ihr wichtigstes Kennzeichen war das Stadtrecht, in dem einheitliche Rechtsgrundsätze für alle Bewohner festgelegt wurden. Bei seiner Formulierung orientierten sich die Städtegründer an Orten, in denen man es bereits seit längerem erfolgreich praktizierte. Für den von uns dargestellten Bereich war das Magdeburg, dessen Stadtrecht als besonders praktikabel galt und sich zwischen Elbe und Oder und sogar weit über die Grenzen des Deutschen Reiches hinaus verbreitete. Neben dem Recht waren die Organisation des Marktes (Stapelrecht, Niederlagsrecht und Anlage eines zentralen Platzes) sowie der Bau von Befestigungsmauern weitere Essentials der Stadtwerdung.  

Planstadt

Die Möglichkeit der allmählichen Entwicklung aus einer Keimzelle zur Stadt war bei der Besiedlung des Ostens nicht gegeben, denn hier ging es um die gezielte Neugründung von Dörfern wie auch von Städten. Der Gründungsprozess einer Planstadt unterscheidet sich deutlich vom langsamen Wachstum einer Stadt: Es begann mit der Absteckung des künftigen Stadtareals, das möglichst schnell mit einer Palisade umwallt wurde. Anschließend erfolgte die Parzellierung der Grundstücke, am praktischsten auf einem gitterförmigen Grundriss. Größere Parzellen für einen Marktplatz sowie für Kirche und Rathaus ließ man frei. Die Verteilung der Grundstücke erfolgte nach ökonomischen Prinzipien, die Kaufleute um den Marktplatz herum, die Handwerker in von Straßen umgebenen insulae, wo sie ihren Betrieb ausbreiten konnten und die Ackerbürger, die weite Wege zu ihren Feldern außerhalb des Stadtgebiets zurückzulegen hatten, am Stadtrand in der Nähe der Tore.

Berlin und Cölln 1652 mit den mittelalterlichen Sakralbauten.
Grundriss der Doppelstadt Berlin / Cölln (1652). Der rasterförmige Grundriss der beiden Städte sowie die Platzierung der mittelalterlichen Hauptbauten sind auch nach 400 Jahren noch gut erkennbar. (Norden = links oben, Einfügung der Kompassrose von 1607 durch A. Soujon). Sog. Memhardt-Plan, gemeinfrei.

Städtisches Selbstbewusstsein

Die Tatsache, dass alle Aufgaben zur Stadtwerdung in gemeinsamer Arbeit der Bürger verwirklicht wurden, führte zur Ausbildung eines starken Selbstbewusstseins der Stadtbewohner, welches sich in dem Willen äußerte, weitgehend unabhängig  vom Stadtgründer (sei es der Landesherr, ein Adliger, der Lokator oder der Abt eines Klosters) zu werden. Das konnte durch Abkauf von deren Rechten geschehen, aber auch durch gewaltsame Auseinandersetzung. Als Endergebnis dieses langwierigen Prozesses verwalteten sich die Städte durch einen Rat selbst, besaßen eine eigene Rechtsprechung und versuchten, einen möglichst großen Status der Unabhängigkeit von jedweder Herrschaft zu bewahren. Städtebünde waren ein probates Mittel dafür und mehrere märkische Städte (darunter auch Berlin) waren Mitglied der Hanse. 

Das städtische Selbstbewusstsein artikulierte sich am deutlichsten im Bau von Stadtmauern, die die Palisadenzäune der Anfangszeit ersetzten. Das geschah ab dem letzten Drittel des 13. Jh. in einer Zeit, als sich die Städte hinreichend konsolidiert hatten, um so ein aufwändiges Projekt bewältigen zu können. Die frühesten Exemplare in Strausberg, Gransee, Templin und Prenzlau bestehen noch aus Feldstein und sind mit vielen turmartigen Vorsprüngen versehen, den Wiekhäusern, die eine Überwachung der toten Winkel der Stadtmauer erleichterten. Stark befestigte Tore, oft versehen mit Zwingern und Barbakanen sicherten die Zugänge zur Stadt. Ausweislich der spitzbogigen Tordurchfahrten und der meist schlichten Schmuckformen gehören die steinernen Stadtbefestigungen in die Zeit der frühen Gotik. (Die Stadt Strausberg besteht allerdings darauf, dass ihre Befestigung schon vor 1250, also noch in der Epoche der Spätromanik entstand). Im 14. Jh. setzte sich dann der Backstein als Baumaterial für Stadtbefestigungen durch.

Siedlungsformen: Dörfer

Dorfgründung

Der Platz für dörfliche Siedlungen wurde nach ähnlichen Kriterien wie bei Städten bestimmt, zu allererst aber nach der Qualität des zu bebauenden Bodens. Dann folgte die Lage an einem Fluss oder See, an einer Straße oder in der Nähe einer Burg oder eines Klosters. Da sich die Bauern nicht selbst verteidigen konnten (Dörfer waren in der Regel unbefestigt), waren sie auf den Schutz durch Adlige oder Ritter angewiesen, denn die mittelalterliche Gesellschaftsstruktur behielt das Privileg des Waffenbesitzes und das Recht zu kämpfen allein dem Adel und dem Ritterstand vor. Dieser „Schutz“ brachte die Bauern oft wieder in Abhängigkeit vom Adel, der sie durch ihre Auswanderung eigentlich entgehen wollten. Insbesondere in Notzeiten (hervorgerufen durch Unwetter oder Missernten) kauften adlige Schutzherrn gern Bauernhöfe auf und vereinigten sie mit ihrem Besitz zu großen Rittergütern, auf denen die ehemals Freien nun als Hörige lebten. Aber davon konnten die Siedler noch nichts ahnen, als sie unter der Führung ihres Lokators einen passenden Siedlungsort und die geeignete Siedlungsform suchten. 

Dorfformen

Die ursprünglichste Form bäuerlichen Zusammenlebens war das Haufendorf, das sich im Laufe der Zeit ungeplant aus einem Einzelhof zu einem Weiler (Kleinsiedlung) und schließlich zu einem Dorf mit  lockerer oder aber geschlossener Bebauung entwickelt hatte, wobei die Höfe unregelmäßig und haufenartig verteilt waren. Diese Dorfform ist in den Altsiedlungsgebieten Mitteleuropas weit verbreitet, nicht aber in Brandenburg, da hier die Dörfer planmäßig errichtet wurden.

Die simpelste Idee der geplanten ländlichen Ansiedlung war das Straßendorf, wo beiderseits der Straße schmale, aber nach hinten hinaus sehr lange Flurstücke an die Siedler verteilt wurden. Die wichtigsten Parzellen lagen in der Mitte, wo man in der Regel die Kirche und den Dorfkrug errichtete. Selbstverständlich nahm hier auch der Lokator oder der Gutsherr, dem auch die Gerichtsbarkeit oblag, seinen Sitz. Jedem Siedler stand eine Hufe Land zu (ca. 15 ha = 150 000 m2), die Hufe entsprach etwa der Grundgröße, die nötig war, einer Bauernfamilie ein Auskommen zu gewährleisten. Der Lokator, oft auch die Kirche, erhielten von Anfang an mehrere Hufen Land. Ein Straßendorf besaß gleichermaßen Vor- und Nachteile: Es konnte mühelos wachsen, denn Neuankömmlinge erhielten ihr Grundstück gleich neben der letzten Parzelle; aber andererseits konnte durch ein zu langes Dorf auch der soziale  Zusammenhang verloren gehen. War die zentrale Straße, an der die Häuser lagen, nur kurz und schmal, so wird auch die Bezeichnung Gassen- oder Sackgassendorf verwendet.

Beim Angerdorf weitete man die Dorfstraße in der Ortsmitte auf und legte dort den Anger an, ein linsenförmiges Stück Land, das allen Bewohnern gehörte und das vielfältig genutzt werden konnte. Es bot Platz für den Dorfteich, der als Brandschutz angesichts der reetgedeckten Holzhäuser von essentieller Bedeutung war. Die Dorfschmiede als sehr feuergefährlicher Ort wurde gern daneben platziert. Der Anger diente den Bedürfnissen der Dorfbevölkerung beispielsweise als Kommunikationsstätte, Gemeindeweide und Gerichtsplatz, in fast allen Fällen nahm er die Dorfkirche und oft genug auch den Friedhof auf.  Angerdörfer sind der charakteristische Siedlungstyp des mittelalterlichen Landesausbaus in Brandenburg. Durch den stets von weiterer Bebauung frei gehaltenen Dorfplatz hat sich der Grundriss des Angerdorfs selbst dann noch erhalten, als im 19. Jh. viele Dörfer allmählich von den wachsenden Großstädten aufgesogen wurden. Das ist in Berlin noch besonders gut in Marienfelde, Lankwitz und Buckow zu erkennen.

Straßendorf Lübnitz
Straßendorf Lübnitz
Angerdorf Berlin Lankwitz
Angerdorf Berlin Lankwitz

Daten der Kartengrundlage von Openstreetmap – Veröffentlicht unter ODbL

Der Rundling ist eine Sonderform des Angerdorfs. Hier gruppieren sich die Wohnhäuser um einen großen kreisförmigen Anger, der über eine Stichstraße mit der Durchgangsstraße verbunden ist. Die Grundstücke hinter den Häusern weiten sich fächerförmig auf und werden dadurch größer, sind aber nur in begrenzter Anzahl vorhanden. Sind alle vergeben, kann ein solches Dorf nicht mehr wachsen. Im Wendland, westlich der Elbe, wurde der Rundling zur bevorzugten Siedlungsform der slawischen Bauern, allerdings erst nach der Ankunft der Neusiedler (Vielleicht sollten die Slawendörfer eine bestimmte Größe nicht überschreiten?).

Klöster

Albrechts Nachfolger, seinem Sohn Otto I. (vor 1128 – 1184) ist die Gründung des Zisterzienserklosters Lehnin zu verdanken. Sie hatte aus mehreren Gründen eine besondere Bedeutung. Zisterzienser widmeten sich an allen Stätten ihres Wirkens besonders dem Landesausbau. Die bevorzugten Orte für Zisterziensergründungen lagen von jeher in zu entwickelnden Gebieten. So hatten sie sich im Laufe der Jahre darauf spezialisiert, Land urbar zu machen, Garten- und Ackerbau sowie Fischzucht zu betreiben und auch der anliegenden Bevölkerung die Grundlagen autarken Wirtschaftens, auch auf dem Gebiet des Handels, zu vermitteln. Die Zisterzienserklöster waren an allen ihren Standorten Zentren nicht nur des geistlichen Lebens sondern auch der Schul- und Berufsbildung und des Gesundheitswesens.

Klosterkirche Lehnin. Apsis, Chor und Querschiff
Klosterkirche Lehnin. Apsis, Chor und Querschiff

Eine weitere besondere Bedeutung lag in Lehnins Funktion als askanisches Hauskloster mit der Grablege der Dynastie. Neben Lehnin entstanden in romanischer Zeit auf dem Gebiet der heutigen Mark Brandenburg noch die Zisterzienserklöster Zinna und Dobrilugk; das erstere auf Veranlassung des Erzbischofs von Magdeburg, letzteres durch den Markgrafen der Lausitz. Hatten die Prämonstratenser in Havelberg, Brandenburg und Jerichow in erster Linie die Christianisierung des Landes im Auge, ging es den Zisterziensern jetzt um dessen dauerhafte Sicherung und Weiterentwicklung. Erst in einer dritten Welle, mit der gezielten Gründung von Städten, gelangten auch die Predigt- und Bettelorden wie Franziskaner und Dominikaner in die Mark. Ihre Gründungen fallen aber bereits in die Zeit der Gotik.

Ritterorden

Eine eigenständige Rolle beim Landesausbau Brandenburgs nahmen die Ritterorden ein. Nach dem Ende der Kreuzzüge im Heiligen Land hatten sich alle Orden neue Betätigungsfelder gesucht. Die Goldbulle von Rimini, eine Urkunde des Stauferkaisers Friedrich II., sicherte z. B. den Deutschrittern die heidnischen Gebiete der Prußen im Weichselgebiet (außerhalb des Heiligen Römischen Reiches!) nach Erobererung und Missionierung als Eigentum zu, was einen Strom von Rittern dieses Ordens in die Gebiete im Osten auslöste. Auch die anderen Ritterorden wandten sich solchen Tätigkeiten außerhalb des Reiches zu. Aber zwischen Elbe und Oder, einem Gebiet das selbst nach der Besiedlung durch slawische Stämme immer als Reichsgebiet angesehen wurde, war diese Eroberungsstrategie nicht möglich. Deshalb verhielten sich die Ritterorden hier etwas bescheidener und beteiligten sich lediglich als Lokatoren am Landesausbau.

Komturei Lietzen Ordenskirche und Herrenhaus
Komturei Lietzen. Ehemalige Ordenskirche der Templer und Herrenhaus (ehemaliges Komtureigebäude)

Durch die Gründung von Kommenden (auch Komtureien genannt), einer Mischung aus Kloster, Burg und Siedlung konnten sie sich im neu besiedelten Land Stützpunkte auf dem Weg in den Osten schaffen und gleichzeitig den Dienst im Zeichen des Kreuzes aufrecht erhalten. Ritterorden, die in Brandenburg eine Rolle spielten, waren bis zu ihrer gewaltsamen Auflösung im Jahre 1312 zunächst die Templer, danach die Johanniter, die auch den Templerbesitz erbten und vor allem der Deutsche Ritterorden, der stets enge Beziehungen zu Brandenburg unterhielt und dessen ostpreußische Besitzungen nach der Reformation an das Haus Hohenzollern fielen, das daraus das Königreich Preußen formte.

Konsolidierung Brandenburgs nach dem Teltow-Krieg

Die Stammburgen der Askanier lagen überwiegend in der Altmark, westlich der Elbe außerhalb des neuen Territoriums. Die von ihnen eroberte Burg in Brandenburg an der Havel ist spurlos untergegangen und von der 1197 erstmals erwähnten Burg Spandau (die aber in ihren Anfängen schon auf Albrecht den Bären zurückgeht) existieren heute nur noch der romanische Juliusturm und einige Grundmauern. Die anderen romanischen Burgen Brandenburgs gehörten Bischöfen oder Adelsgeschlechtern und dienten zur Abgrenzung ihres Besitzes gegen benachbarte Mächte. Die auch später noch folgenden häufigen Kriegsereignisse und die Tatsache, dass die Entwicklung der Kriegstechnik Burgen im Lauf der Zeit obsolet machte, haben von ihnen nur noch Ruinen oder stark überformte Reste übrig gelassen.

Wegen der Fortsetzung des Landesausbaus und der Erstarkung und Vergrößerung des askanischen Territoriums unter Otto II. (nach 1147 – 1205) und seinem Bruder Albrecht II. (vor 1177 – 1220) ergaben sich weitere Konflikte mit dem Erzbischof von Magdeburg (der neben seinem geistlichen Amt auch als weltlicher Herr über den größten Teil seines Bistums gebot), den Wettinern und den Sachsen. Die Auseinandersetzungen kulminierten auf dem Teltow und dem Barnim, wo Ottos Widersacher einen Keil in sein expandierendes Territorium treiben wollten. Ottos Nachfolger, die Brüder Johann I. (1213 – 1266) und Otto III. (1215 – 1267) entschieden diese Auseinandersetzungen im Teltow-Krieg und im Magdeburger Krieg (1239 – 1245) zugunsten der Askanier.

Ab jetzt erstreckte sich Brandenburg von der Grenze Mecklenburgs im Norden bis zum Teltow im Süden und von der Elbe bis zur Oder. Die markgräflichen Brüder betrieben auch die gezielte Neugründung von weiteren Städten, insbesondere auf dem Barnim und dem Teltow. Die Gründung der Doppelstadt Cölln/Berlin war dagegen schon vor ihrer Regierungszeit erfolgt, wie neueste Untersuchungen belegen. Sie sollte später der Hauptort Brandenburgs und die Hauptstadt Brandenburg/Preußens werden und das Datum ihrer Ersterwähnung in einer Urkunde von 1237 als Gründungsdatum feiern, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt bereits seit 70 Jahren existierte. Die Expansion Brandenburgs war nach dem Teltow-Krieg beileibe nicht zu Ende, denn jetzt wurde die Oder überschritten und auf dem anderen Ufer die Neumark gegründet.

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Die Mark Brandenburg unter den Askaniern um 1320
Die Mark Brandenburg zum Ende der Askanischen Dynastie um 1320. Von Maximilian Dörrbecker (Chumwa) – Eigenes Werk, using this file by Captain Blood as basis, GFDL

Ende der Askanier

Bei den Askaniern waren stets alle direkten männlichen Nachkommen erbberechtigt (deshalb regierten oft mehrere Brüder gleichzeitig), dennoch starb die Dynastie 1319, nach dem Tode Waldemars, aus. Um seine Hausmacht zu stärken, vergab nun Kaiser Ludwig (IV.) der Bayer die Mark als zurückgefallenes Lehen an seinen minderjährigen Sohn Ludwig den Brandenburger, was eine lange Phase von Unruhen und Wirren auslöste, die auch unter dem nachfolgenden Haus Luxemburg anhielt. Die Mark verkam zur bloßen Einnahmequelle für beide Dynastien, der lokale Adel maßte sich die Rechte des Landesherrn an, Fehden und Raubrittertum waren an der Tagesordnung. Erst 1417, mit der Belehnung des Burggrafen von Nürnberg aus dem Hause Hohenzollern, Friedrich I. von Brandenburg begann der Wiederaufstieg des Landes.

Wüstungen

Die Besiedlung und Melioration der neuen Gebiete war nicht durchgängig ein Erfolgsmodell, in einer Vielzahl von Fällen mussten bereits gegründete Siedlungen auch wieder aufgegeben wurden. Ein wesentlicher Grund dafür war die Tatsache, dass die Bodenqualität der „Streusandbüchse Mark Brandenburg“ anderen Regionen grundsätzlich unterlegen war. Auch innerhalb des Landes differierte sie stark und je mehr Siedler kamen, desto schwieriger wurde es, brauchbare Agrarflächen für alle zu finden.

Hervorgerufen durch schlechte Erträge, reifte im Laufe der Zeit in manchen Siedlungen die Erkenntnis, sich am falschen Ort niedergelassen zu haben. Darauf reagierten die Siedler, indem sie alle bewegliche Habe einpackten und sich einen neuen Siedlungsort, oft weiter im Osten, suchten. Die bereits erbauten Holzhäuser überließ man dem Verfall und schon nach wenigen Jahren waren sie quasi spurlos verschwunden. Dennoch gerieten diese „wüsten“ Orte nicht völlig in Vergessenheit, da oftmals der Ortsname sowie Flurnamen in Erinnerung blieben und bestimmte archäologische Spuren wie Abfallgruben, Keller, Straßen und Wege noch lange sichtbar oder in Benutz waren.

Oder eine Ruine, meistens die der ehemaligen Feldsteinkirche, kündete mitten im Wald oder auf verlassener Feldflur von einer „Wüstung“. Die romantische Konnotation dieses Begriffes leitet sich von der Vorstellung ab, dass an solcher Stelle etwas tragisch untergegangen sein musste. Der Anblick einer Ruine in der Wildnis erzeugt Bilder von verheerenden Kriegsereignissen, nach denen niemand übrig geblieben war, ein zerstörtes Dorf wieder aufzubauen. Oder von Pestepidemien, die ganze Landstriche entvölkerten und anstelle von blühenden nur wüste Orte hinterließen.

Auch die wiederholten Plünderungszüge räuberischer Soldateska z. B. im 15. Jh., während der Hussitenkriege, bei denen die sowieso schon nicht wohlhabende Landbevölkerung all ihre Habe verlor, konnten zur Aufgabe vieler Orte beigetragen haben. Von allen diesen Katastrophen war jedoch der 30jährige Krieg, der zu Anfang des 17. Jh. in großen Teilen auf dem Territorium der Mark Brandenburg tobte, das einschneidendste Ereignis, das viele Dörfer wüst fallen ließ. Aufgrund der über Generationen anhaltenden Kriegsereignisse und der ständigen Verwüstungen des Landes war die Bevölkerungszahl Brandenburgs so dramatisch gesunken, dass manche Dörfer einfach keine Bewohner mehr hatten.

Jaques Callot 1632 - Der Galgenbaum
Jaques Callot 1632 – Der Galgenbaum, gemeinfrei. Aus dem Radierzyklus “Les Grandes Misères de la guerre”. Gezeigt wird die Hinrichtung von “berüchtigten und verlorenen Dieben” (Voleurs infames et perdus) in der Anwesenheit von Geistlichen während des 30jährigen Krieges.

Die Wirklichkeit war aber deutlich nüchterner als solch dramatische Ereignisse, denn bevor ein Ort zur Wüstung wurde, hatte er in der Regel eine lange Niedergangszeit hinter sich. Kein Mensch verlässt ohne zwingende Gründe sein Heim und so werden die wenigen übrig Gebliebenen eines Dorfes erst dann weggegangen sein, wenn die Aufrechterhaltung einer Dorfgemeinschaft unter keinen Umständen mehr möglich erschien. Allerdings war die Neubesiedlung eines verlassenen Ortes auch nicht ausgeschlossen, was besonders häufig nach dem 30jährigen Krieg vorkam.

Museumsdorf Düppel

Das wüste Dorf bei Zehlendorf (heute: Museumsdorf Düppel) ist ein ein gutes Beispiel für das wüst Werden eines Ortes aufgrund von schlechtem Ackerland. Nachdem die kleine ursprüngliche Raststation zum Dorf herangewachsen war, erkannten die Siedler, dass die Felder nicht genug abwarfen um allen ein gutes Auskommen zu gewähren. Den benachbarten Dörfern Krummensee und Slatdorp ging es ähnlich. Noch in der ersten Phase der Besiedlung suchten sich die Bewohner einen neuen, größeren Standort mit besserem Boden, das nahe gelegene heutige Zehlendorf, ein Ort mit einem slawisch-deutschen Mischnamen. Ob eine solche koordinierte Maßnahme vom Landesherrn oder von einem Lokator initiiert wurde wissen wir nicht. Vom Museumsdorf sind weder der Ortsname noch irgendwelche Flurnamen erhalten geblieben, seine Entdeckung verdanken wir ausschließlich der Archäologie, die ausgehend von Scherbenfunden auf dem Gelände durch Grabungen die Spuren der Holzarchitektur des Dorfes (in Form von Erdverfärbungen) freilegte.

Stadtwüstung Freyenstein

Ein ganz anderes Beispiel, nämlich die Wüstung einer ganzen Stadt, liegt in Freyenstein vor. Hier hatte sich unter den Einwohnern nach mehreren Zerstörungen innerhalb der ersten drei Generationen die Erkenntnis verfestigt, die Stadt zu groß und an schlecht zu verteidigender Stelle angelegt zu haben. Deshalb verlegten sie sie 1287 um einige hundert Meter und rissen, nachdem sie eine neue Stadtmauer auf kleinerem Grundriss errichtet hatten, alle alten Gebäude ab und verwendeten die Baumaterialien in der Neugründung. Die wüst gefallene Stelle, die unterirdisch noch jede Menge Steinmaterial enthielt, das man in Keller und Straßen verbaut hatte, wurde niemals wieder überbaut. Das eröffnete der Archäologie im 21. Jh. die Möglichkeit, am alten Platz nach der Gründungsstelle, die nie völlig in Vergessenheit geraten war, zu graben und tatsächlich fanden sich die genannten archäologischen Relikte, bis heute in situ erhalten.

Wüstung Bornsdorf

9 km südlich von Luckau gelegen, geriet das Dorf im 13. und 14. Jh. in die Einflusszone zweier konkurrierender Mächte, des Erzbistums Magdeburg und des Herzogtums Sachsen. Deren ständige Fehden mit negativen Auswirkungen auf die Dörfer im umstrittenen Gebiet, sowie andere Überfälle marodierender Truppen müssen dazu geführt haben, dass die Bewohner ihr nunmehr unsicheres Dorf verließen und ca. 1 km weiterzogen, um im Schutze des befestigten Stammsitzes einer Adelsfamilie zu siedeln. Hier errichteten sie im 15. Jh. eine neue Kirche und gaben die alte auf, die mehr und mehr in Verfall geriet. Heute bildet sie den stimmungsvollen Mittelpunkt des hierher verlegten Bornsdorfer Friedhofs.

Ähnlich wie die unweit gelegene Dorfkirche von Riedebeck stammt die Ruine der Wüstung aus der Zeit um 1220/40 und ist eine einfache Saalkirche. Erhalten geblieben sind nur die eindrucksvolle geschlossene Westseite sowie die unmittelbar daran anschließenden kurzen Mauerpartien der nördlichen und südlichen Längsseiten. Das Feldsteinmaterial besteht aus vielen Lagen kleinerer und dazwischen einzelnen Lagen größerer gequaderter Feldsteine. Für die Gebäudekanten benutzte man nur große Steine, die mit der gewohnten Akkuratesse scharfkantig abgearbeitet wurden. An den kurzen erhaltenen seitlichen Partien lässt sich auch noch die Zweischaligkeit des sauber gefügten mittelalterlichen Mauerwerks ablesen. Der dazwischen liegende Mauerkern wurde dagegen mit unregelmäßigem Steinmaterial gefüllt und mit Mörtel vergossen.

Wüstung Bornsdorf. Westfassade der Kirchenruine.
Wüstung Bornsdorf. Westfassade der Kirchenruine.

In erstaunliche Höhe ragt noch der deutlich dünnere Giebel auf, der durch ein plastisches Rundfenster mit dreifach getrepptem Gewände geschmückt wird. Wie bei den Klangarkaden in Riedebeck besticht es durch den Kontrast von sorgfältig verarbeitetem hellerem Feldstein und schwarzem Material aus Raseneisenstein. (Auf der Rückseite des Giebels ist die Rosette nur als einfaches Fenster ausgebildet, das der Belichtung des Dachraums diente). Außerdem enthält die Giebelwand in der Spitze ein kleineres, einmal getrepptes rundes Blendfenster sowie zwei etwas einfachere weiter unten. Portale und Fenster existieren nicht mehr, so dass man sich für eine Datierung an die Bearbeitung der Quader und den stilistischen Vergleich mit Riedebeck halten muss, wo eine dendrochronologische Untersuchung ein Baudatum von 1220 bis 1240 ergab.

Wüstung Dangelsdorf

Die letzte der hier vorgestellten Wüstungen befindet sich im Wald des Flämings bei Görzke, wo die (bis vor kurzem noch höchst romantische) Kirchenruine von Dangelsdorf steht. Da ihr Verfall dramatisch zugenommen hatte, entschloss man sich kürzlich, die Ruine zu sichern und das marode Feldsteinmauerwerk mit diversen Ziegelmauern abzustützen. Dem zauberhaften Eindruck des wüsten Orts war diese Maßnahme leider stark abträglich.

Kirchenruine Dangelsdorf
Kirchenruine Dangelsdorf. Von Lienhard Schulz – Eigenes Werk, CC BY 2.5

Die Ruine datiert von ca. 1300 – also kurz nach dem von uns abgehandelten Zeitraum – und gehört der Frühgotik an. Sie ist eine einteilige Saalkirche ohne Apsis, mit gerade geschlossener Ostwand und einem stilentsprechenden Lanzettfenster darin. Was Dangelsdorf für uns interessant macht, ist die Westfassade, auf der sich noch, in für den Ruinenzustand atemberaubender Höhe, die Vorderwand des Dachreiters erhebt, der für die Flämingkirchen charakteristisch ist. Hier haben wir also den Beweis, dass solche Dachreiter, deren drei rückwärtige Seiten in Fachwerk ausgeführt waren, zum ursprünglichen Bau der betreffenden Kirchen gehörten. Ebenfalls bemerkenswert ist der gute Erhaltungszustand des Putzes innen und außen sowie die Existenz einer Friedhofmauer. Teilweise noch als niedere Mauer aufrecht stehend, teilweise als kleine Erhebung im Gelände erkennbar, umgibt sie den Kirchhof und belegt, dass Kirchhöfe wahrscheinlich von Anfang an mit Mauern umgeben waren, obwohl das erst viel später vorgeschrieben wurde.

Bleibt noch die Klärung der Frage, wann Dangelsdorf zur Wüstung wurde: Im Landbuch Karls IV. von 1375 erscheint der Ort ohne Einkünfte. In dieselbe Zeit fallen die großen Pestepidemien im Norden Deutschlands (der Schwarze Tod). Demografische Analysen zeigen, dass eine Sterblichkeitsrate, die die natürliche Sterblichkeit um mehr als das Vierfache übersteigt, nicht kompensiert werden kann und wenn man die im darauf folgenden Jahrhundert vorkommende Klimaverschlechterung plus Überschwemmungen und Missernten auch noch mit einbezieht, wird die Aufgabe von Dangelsdorf im 14./15. Jh. plausibel.

Mittelalterliche Lebensbedingungen am Beispiel des Museumsdorfes Düppel

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit Museumsdorf Düppel
Museumsdorf Düppel, aufgenommen von einer öffentlich zugänglichen Schautafel

Wenn man sich die Lebensbedingungen der Siedler am Anfang des 13. Jh. vergegenwärtigt, kann man erst ihre enorme kulturelle Leistung – nämlich die Gründung von Orten, Ausbau der Infrastruktur wie Straßen, Brücken, Burgen, Stadtmauern und vor allem die Errichtung so vieler Kirchen aus eigener Kraft bei eingeschränktesten Ressourcen – hinreichend würdigen. Das Museumsdorf Düppel macht das auf sehr anschauliche Art und Weise deutlich. Am Machnower Krummen Fenn, einem kleinen Tümpel im Südwesten Zehlendorfs, hat sich ein Ende des zwölften Jh. besiedeltes Gelände erhalten, ohne später jemals wieder überbaut worden zu sein. Kinder, die dort Tonscherben fanden, brachten die Archäologen auf die Spuren eines im Verlauf des Landesausbaus gegründeten, aber bald wieder verlassenen Dorfes. Von ihm haben sich im hellen märkischen Sandboden die Verfärbungen der verrotteten Holzpfähle oder Spaltbohlen erhalten, aus denen die Siedler ihre einfachen Behausungen errichtet hatten.

Experimentelles Museum

Aufbauend auf ein Projekt polnischer Archäologen, die im polnischen Biskupin eine slawische Ansiedlung aus dem 4. Jh. v. Chr. erforscht und rekonstruiert hatten, wurde in Düppel auf private Initiative ein experimentelles Museum gegründet, in dem die Lebensumstände der Kolonisten des 12. Jh. untersucht und rekonstruiert werden. Nach anfänglichen Sondierungsgrabungen, bei denen die Siedlungsgeschichte der Niederlassung untersucht wurde, beschloss man, die Häuser auf den alten Grundrissen wieder aufzubauen und das Alltagsleben der einstigen Bewohner darzustellen.

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Palisade mit Eingangsbereich
Palisade mit Eingangsbereich
Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Wehrgang der Palisade
Wehrgang der Palisade

Aufgrund des archäologischen Befundes nehmen die Archäologen an, dass sich hier Ende des 12. Jh. eine Raststation auf halbem Wege zwischen Saarmund und Berlin befunden hatte. Diese lag am Krummen Fenn und wurde durch eine Palisade gesichert. Hier konnten die Reisenden sicher übernachten und auch ihre Waren schützen. Die Bewohner der Station lebten in drei unterschiedlichen Blockhäusern.

An diesen relativ sicheren Ort zogen Anfang des 13. Jh. die Siedler. Die dendrochronologische Untersuchung eines zum Brunnenbau verwendeten Balkens ergab eine Bauzeit um 1200. Es gab vermutlich zwei Phasen der Besiedelung. Erst wurde die Palisade zum Schutz errichtet, später entstand das Dorf.

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Siedlungsphase 1 Düppel Palisade
Siedlungsphase 1 Düppel Palisade. Aufgenommen von einer öffentlich zugänglichen Schautafel
Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Siedlungsphase 2 Kleines Dorf
Siedlungsphase 2 Kleines Dorf. Aufgenommen von einer öffentlich zugänglichen Schautafel

Die Menschen errichteten ihre wenigen Bauerngehöfte als Ständerbauten mit lehmverputzten Flechtwerkwänden, als Holzbauten mit Wänden aus Spaltbohlen oder als Blockhäuser, in denen sie gegebenenfalls zusammen mit dem Vieh wohnten. Ständerbauten gelten als deutsch, Blockhäuser als slawisch, beide Haustypen existieren auf dem Museumsgelände, so dass ein gemeinsames Wohnen von Deutschen und Slawen hier denkbar ist, was auch durch Funde von slawischen Schläfenringen (Frauenschmuck) belegt wird. Allerdings überwiegen die deutschen Funde (Haustyp, Keramik) die slawischen bei weitem.

Detail einer Türzarge mit Übergang zum lehmverputzten Wandflechtwerk
Detail einer Türzarge mit Übergang zum lehmverputzten Wandflechtwerk
Detail eines Wandflechtwerks
Detail eines Wandflechtwerks

Zweck der Gebäude

Die Grundrisse lassen nur vage Vermutungen über den Zweck der Gebäude zu, eine Kirche scheint sich jedoch nicht darunter befunden zu haben. Das mag daran liegen, dass das Dorf schon in der ersten Besiedlungsphase wieder aufgegeben wurde, bevor man ein solches Projekt in Angriff genommen hatte oder dass sich mehrere, in fußläufiger Entfernung voneinander gelegene kleine Dörfer eine Kirche teilten. Zwei der Dörfer überlieferten ihren Namen (Slatdorp und Krummensee), während der Name des Düppeler Dorfes unbekannt blieb. Tatsache ist, dass alle drei Orte untergingen, weil die Siedler sich einen anderen Siedlungsort suchten (oder umgesiedelt wurden), an dem ein ertragreicheres Leben möglich war. Diese Ansiedlung ist vermutlich das heutige Zehlendorf (dessen heutige Dorfkirche einen mittelalterlichen Vorgänger hat), wo sich viel besser zu bewirtschaftende Böden befanden.  Im Sinne des Landesausbaus, der ja dem Landesherrn Zuwachs an Untertanen und Steueraufkommen bringen sollte, erscheint eine solche Zusammenlegung wenig rentabler Dörfer sinnvoll.

Neben der Zurschaustellung mittelalterlichen Lebens erforscht man heute im Museumsdorf die Arbeitsweise mittelalterlicher Gewerke wie der Schmiede, Imker, Tuchweber und -färber, Zimmerleute und Teerschweler. Auch die originalen Kulturpflanzen und Haustiere werden ermittelt und deren Rückzüchtung versucht. Im Hausbau experimentiert man mit zeitgenössischen Werkzeugen und Materialien und lässt ein Haus gezielt verfallen, um Aufschluss darüber zu gewinnen, wie schnell dieser Prozess dauert und was für Relikte übrig bleiben.

Die einfachen Lebensbedingungen des 12. Jh. unterschieden sich nicht groß von denen der Slawen in Biskupin, die mehr als 1000 Jahre zuvor gelebt hatten. Lediglich in der Eisenbearbeitung hatten die Menschen des 12. Jh. einen Vorsprung, der es ihnen möglich machte, verbesserte landwirtschaftliche Geräte wie den Räderpflug zu entwickeln. Durch dessen Verwendung wurde die Nahrungsmittelproduktion um ein Vielfaches gesteigert und ein Bevölkerungswachstum erreicht, das auch die Besiedlung der ostelbischen Lande möglich machte.

Die Verbesserung von Werkzeugen und Waffen veränderte das Wirtschafts- und Kriegswesen erheblich. Schließlich wurde die Bearbeitung von Steinen, selbst des spröden Feldsteins, möglich und dies mündete im Bau so vieler steinerner Dorfkirchen. Als Bauten für die Ewigkeit verlangten sie nach diesem Baumaterial, während man die Alltagsgebäude – insbesondere in den Dörfern – nach wie vor aus Holz errichtete.

Infobox Museumsdorf Düppel


Adresse

Clauertstraße 11
14163 Berlin (Zehlendorf)

Offizielle Website

Museumsdorf Düppel

Öffnungszeiten

Anfahrt und Öffnungszeiten

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