Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit

Germanen und Slawen

Der Landstrich, dessen Geschichte hier erzählt wird und dessen romanische Bauwerke beschrieben werden, erstreckt sich zwischen der Elbe im Westen, der Linie Elster-Elbe im Süden, Oder und Neiße im Osten und der heutigen Landesgrenze Brandenburgs im Norden. Wie der gesamte Siedlungsraum östlich der Elbe, war er bis zum Beginn der Völkerwanderung von Germanen bewohnt, die den Stämmen der Semnonen und Sueben angehörten. Als diese aus nicht hinreichend geklärten Gründen nach Süden und Südwesten abgezogen waren, rückten aus dem Süden und Osten Slawen in die weitgehend menschenleeren Gebiete nach. Das Land blieb jedoch, wie auch schon zuvor, dünn besiedelt. Verbreitete, wenig fruchtbare Sandflächen, ausgedehnte Überschwemmungsgebiete und dichte Wälder waren die Ursache hierfür.

Die Wanderungsbewegung der Slawen war die Folge von Völkerverschiebungen noch weiter östlich, beispielsweise durch die der Awaren vom Aralsee zum Schwarzen Meer im 6. Jh. n. Chr. und erstreckte sich über den Zeitraum von ca. 600 bis 750 n. Chr. Sie betraf die Volksstämme der Obodriten, Wilzen und Pomoranen im Norden, der Heveller und Spreewanen in der Mitte und der Lutizen und Sorben im Süden. Als Sammelname für die Slawen im Gebiet Brandenburgs bürgerte sich die Bezeichnung “Wenden” ein. Die meisten wendischen Stämme waren noch nicht christianisiert. Sie gehörten auch nicht zum christlichen Herrschaftsgebiet der Piasten und Přemysliden, den Gründern des polnischen und böhmischen Staats. Die wendische Oberschicht teilte auch nicht deren Aufstieg zu ebenbürtigen europäischen Fürstenhäusern. Im 12. Jh. begann sie sich jedoch ebenfalls dem Christentum zuzuwenden.

Karolinger und Ottonen

Das im Jahre 800 durch die Dynastie der Karolinger geschaffene deutsch-römische Reich hielt durch mehrere Feldzüge gegen die Wenden den formalen Herrschaftsanspruch auf die Gebiete östlich der Elbe aufrecht. Durch die Einrichtung der so genannten Grenzmarken, deren Gebieter, die Markgrafen, eine hervorragende Stellung im Kreis der Reichsfürsten einnahmen, wurde die Eroberung des slawischen Territoriums am anderen Elbufer vorbereitet.

Als die Herrschaft des deutsch-römischen Reiches von den fränkischen Karolingern auf die sächsischen Liudolfinger übergegangen war, griff König Heinrich I. den Stamm der Heveller an. Er nahm ihre Residenz, die Brandenburg ein, begnügte sich nach dem Sieg jedoch mit einer lockeren Oberhoheit über die Slawen. Sein Sohn Otto der Große wollte die Kontrolle über die ostelbischen Gebiete verstärken. Er verlieh seinem Vertrauten Graf Gero den seit den Karolingen nicht mehr verwendeten Titel Markgraf ehrenhalber und beauftragte ihn, die Slawenlande zwischen Saale, Elbe, Elde, Peene, Oder, Neiße und Erzgebirge im Auftrag des Königs zu verwalten, Tribute einzutreiben, Rebellionen niederzuwerfen und Einfällen von außen entgegenzutreten. Dazu wurden überall im Lande Burgwarde gegründet, Bezirke, wo im Schutze einer (von den Sachsen beherrschten) Burg mehrere (meist slawische) Dörfer lagen.

Gebietsaufteilung

Nach Geros Tod (965) wurden aus der so genannten sächsischen Ostmark mehrere kleinere Marken gebildet. Die heutige Mark Brandenburg gehörte nun zur Nordmark, die im Süden vom Fläming begrenzt wurde. Andere Marken östlich der Elbe waren die Mark Lausitz und die Mark Meißen. Zur Christianisierung der Slawen in der Nordmark hatte Otto der Große schon 948 die Bistümer Havelberg und Brandenburg gegründet. Sie wurden dann dem 968 geschaffenen Erzbistum Magdeburg unterstellt.

Die altansässige slawische Bevölkerung bezog man in die Neuordnung des Landes aber viel zu wenig ein, das Christentum wurde ihr quasi aufgezwungen. Schon 983 beendete ein großer Slawenaufstand die ottonische Herrschaft, wobei auch die Bischofssitze Brandenburg und Havelberg wieder verloren gingen. Die Slawenherrscher nahmen ihre ehemaligen Gebiete wieder ein und die Christianisierung erlitt einen herben Rückschlag. Auch wenn sich an dieser Situation im gesamten 11. Jahrhundert nichts mehr änderte, hielt das deutsche Königtum weiterhin an seinem Anspruch auf das Land östlich der Elbe fest. Erkennbar wird dies u.a. dadurch, dass die entsprechenden Markgrafen- und Bischofsämter weiter besetzt wurden, wenn auch die Titel nur noch pro forma existierten.

Albrecht der Bär

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Statue Albrecht der Bär
Fiktive Figurengruppe: Albrecht der Bär flankiert von Bischof Wigger von Brandenburg (links) und Bischof Otto von Bamberg; Postkarte 1898, Denkmalgruppe 1 Siegesallee Berlin. Walter Schott [Gemeinfrei]

Den Slawenfürsten gelang es nicht, im wiedergewonnenen Land stabile Herrschaftsstrukturen zu etablieren, sie lagen häufig miteinander im Streit, auch traten einige von ihnen zum Christentum über. In ihre Auseinandersetzungen mischten sich gern die germanischen Fürsten westlich der Elbe ein, um die Möglichkeit einer Rückeroberung offen zu halten. Die Grafen von Ballenstedt aus dem Hause Askanien taten sich dabei besonders hervor. Als Adelbertus von Ballenstedt (1100 – 1170) 1134 von Kaiser Lothar III. mit der Nordmark belehnt wurde, trachtete er danach, die Eroberung diesmal auf eine solidere Basis zu stellen. Adelbertus, später bekannt geworden unter dem Namen Albrecht der Bär, hatte bereits um 1125 einen Vertrag mit dem getauften Hevellerfürsten Pribislaw geschlossen, der ihm im Falle des Aussterbens der slawischen Dynastie die Nachfolge im Herrschaftsgebiet um Brandenburg zusicherte. Als Gegenleistung dafür hatte Albrecht Pribislaw wohl bei der Etablierung seiner Herrschaft unterstützt.

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Slawen im Brandenburger Raum um 1150
Slawen im Brandenburger Raum um 1150. Sansculotte nach Vorlage von Lienhard Schulz [CC BY-SA 3.0]

Zunächst stärkte Albrecht die Strukturen der Kirche östlich der Elbe. Er übernahm die weltliche Schutzherrschaft (Vogtei) über das 1129 gegründete Prämonstratenserkloster Liebfrauen in Magdeburg, dessen Ordensgeistliche die Missionierung im Slawengebiet übernehmen sollten. Als reiner Priesterorden erschien die vom Hl. Norbert in Prémontré gegründete adlige Mönchsgemeinschaft dafür besonders geeignet. 1139 bzw. 1144 gründete sie die Klöster Leitzkau und Jerichow östlich der Elbe, für die Albrecht ebenfalls die Vogtei übernahm.

Allerdings erwuchs ihm bei den Plänen der Ausweitung seiner Herrschaft Konkurrenz durch den Erzbischof von Magdeburg, die wettinischen Markgrafen der Lausitz und von Meißen, die Herzöge von Sachsen, Schlesien und Pommern sowie den dänischen König (als zeitweiligem Herrscher Pommerns), die ebenfalls eigene Herrschaftsgebiete im eroberten oder noch zu erobernden Land errichten wollten.

Wendenkreuzzug

Ein merkwürdiges Ereignis, in dem sich diese konkurrierenden Unternehmungen bündelten, war der Wendenkreuzzug. Er fällt in die Zeit des Zweiten Kreuzzugs, in der die krude Idee einer „Rückeroberung“ der Heiligen Stätten in Palästina (die ja schon 500 Jahre lang nicht mehr im Besitz des byzantinischen Kaisers waren) das Denken von Klerus und Fürsten in Europa ergriffen und bereits zu einer bodenlosen Vergeudung von Menschenleben und Ressourcen geführt hatte. Aber der vom Papst ausgegebenen Maxime „Gott will es,“ konnten sich sowohl Herrscher als auch Untertanen schlecht entgegenstellen. Deshalb entstand bei den weitsichtigeren Fürsten die Idee der „Umlenkung“ der Kreuzzugsbewegung. Ganz Europa war von „heidnischen“ Gebieten umgeben und in vielen Grenzgebieten gab es Konflikte zwischen der christlichen Kirche und nichtchristlichen Bewohnern. (Inbesondere, wenn eine aggressive Missionspolitik betrieben wurde wie zu Zeiten Markgraf Geros östlich der Elbe). Anstatt die „Ungläubigen“ so fern der Heimat zu bekämpfen, konnte man das doch viel besser „zu Hause“ tun und dabei das eigene Territorium um „herrenloses Land“ erweitern. Besonders geeignet erschienen dabei die dünn besiedelten Gebiete östlich der Elbe, auf die uralte Herrschaftsansprüche bestanden und die weder genug politische noch militärische Macht besaßen, sich den Eroberern entgegenzustellen.

Besonders der Sachsenherzog Heinrich der Löwe erkannte das Potenzial dieser  neuen „Ostpolitik“ und vernachlässigte bei ihrer Verfolgung seine Pflichten als Lehensmann des Kaisers Friedrich Barbarossa so gravierend, dass dies zu seinem späteren Sturz führte. Doch zunächst stellte er sich an die Spitze des „Wendenkreuzzugs“, einer so durchsichtigen Idee, dass alle oben genannten Konkurrenten um neues Siedlungsland sofort an seiner Seite standen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Albrecht der Bär war als Erster dabei, aber auch der König von Dänemark wollte nicht zurückstehen. Das Ziel der Unternehmung zu formulieren, fiel schwer, denn wenn man aufrief, die Ungläubigen zu töten, beraubte man sich ja der zukünftigen potentiellen Untertanen, ging es um bloße Eroberung, musste man sich sofort mit den Konkurrenten auseinandersetzen. So kam es, dass der Wendenkreuzzug nicht die Gräuel seines Vorbildes fortführte, sondern sich die Einsicht durchsetzte, dass die neuen Gebiete nur durch Landesausbau und Zusammenleben mit den Einheimischen zu gewinnen waren. Der „Kreuzzug“ beschränkte sich dabei (mit einigen unschönen Ausnahmen) auf das Abstecken der Einflusssphären der Konkurrenten und wurde auch bald beendet. Albrecht der Bär zog die meisten Vorteile daraus, denn er erneuerte die Bischofssitze Havelberg und Brandenburg, gründete Klöster und begann unverzüglich mit dem Landesausbau.

Landesausbau

Die “Nordmark” war territorial nur vage definiert und ließ viel Spielraum für Eroberungen. Burgenbau, Gründung von Städten und Dörfern sowie die Herbeirufung von Zisterziensern und anderer Orden waren wichtige Instrumente zur Konsolidierung solcher Eroberungen, deshalb folgten alle Konkurrenten Albrechts Beispiel. Die Klöster Jerichow und Zinna waren z. B. Magdeburger Gründungen, Dobrilugk eine der Wettiner aus Meißen, die Festung “Grützpott” bei Stolpe dänisch und die Burgen Belzig, Rabenstein und Wiesenburg sächsisch.

Im Kerngebiet der Mark Brandenburg setzte sich jedoch Albrecht der Bär souverän durch. Als der Hevellerfürst Pribislaw, der nach seiner Taufe den germanischen Namen Heinrich angenommen hatte, 1150 starb, hielt Albrecht die Zeit für die endgültige Rückgewinnung des Landes gekommen. Wie gesagt, ging es ihm dabei nicht um Vertreibung und Ausrottung der Slawen, sondern um den dauerhaften Erwerb des Landes und dessen Entwicklung und Neuordnung. Als erstes besetzte er die Burg Brandenburg, musste aber zunächst den Rückschlag hinnehmen, dass ihm der polnisch/wendische Fürst Jaxa, der ebenfalls Anspruch auf Pribislaws Erbe erhob, diesen Stützpunkt wieder abnahm.

Markgraf in Brandenburg

Erst als Jaxa – der übrigens auch bereits Christ war – besiegt und auf seine Herrschaft Köpenick zurückgedrängt war, konnte Albrecht die erste überlieferte Urkunde ausstellen, in der er sich „Markgraf in Brandenburg“ nannte. Dass die Übernahme relativ friedlich erfolgte, sieht man an der Tatsache, dass Jaxa seiner Herrschaft nicht enthoben wurde, sondern 1176 eines friedlichen Todes starb, nachdem er sein Herrschaftsgebiet zwischen Dahme, Spree und Oder an den (slawischen) Herzog von Pommern vererbt hatte. Auch von Massakern an der slawischen Bevölkerung und von Vertreibungen erzählen die geschichtlichen Quellen kaum etwas. Vielmehr von Ortsnamen mit dem Präfix Wendisch, wo die Slawen unter sich blieben oder von deutschnamigen Orten mit ausschließlich deutschen Einwohnern. In der Regel lebten beide Volksgruppen miteinander, die Slawen allerdings häufiger als Dienstleute, weil ihnen in der Regel weniger Land als den Neusiedlern zugeteilt wurde. Der heute noch gebrauchte Ausdruck “Kietz” bezeichnete damals eine slawische Dienstmannensiedlung am Ortsrand von Burgorten, jedoch erfolgte die gegenseitige Assimilierung und Vermischung relativ schnell. Der einzige Slawenstamm, der auch heute noch Wert auf seine herkunftsmäßige und kulturelle Eigenständigkeit legt, sind die Sorben in der Lausitz.

Siedlungspolitik

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Die deutsche Besiedelung der slawischen Gebiete.
Die deutsche Besiedelung der slawischen Gebiete. Zugeschnitten auf den für uns relevanten Kartenausschnitt.
Von Ziegelbrenner – Eigenes Werk based on Walter Kuhn: Die bäuerliche deutsche Ostsiedlung Source of Information: Putzger – Historischer Weltatlas (Jubiläumsausgabe); 85. Auflage, 1963, Velhagen & Klasing (Bielefeld u.a.), S. 54f; Putzger – Historischer Weltatlas, 89. Auflage, 1965; Westermanns Großer Atlas zur Weltgeschichte, 1969; Haacks geographischer Atlas. VEB Hermann Haack Geographisch-Kartographische Anstalt, Gotha/Leipzig, 1. Auflage, 1979; dtv-Atlas zur Weltgeschichte Band 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution; 23. Aufl. 1989, ISBN 3-423-03002-X., CC BY-SA 3.0 ,

1165 konnte der Neubau des Brandenburger Doms geweiht werden, 1170 (im Todesjahr des Markgrafen) folgte die Einweihung des Havelberger Doms. Gleichzeitig begann Albrecht das Ausbauprogramm zur Sicherung des Landes: Siedler aus der Altmark, den askanischen Stammbesitzungen am Harz, aber auch aus Flandern und vom Rhein wurden in die neue Mark Brandenburg gerufen. Viele Holländer verließen ihre damals von schweren Sturmfluten geplagte Heimat und beteiligten sich zunächst am Deichbau an der Elbe, bevor sie ins neu gewonnene Land östlich des Flusses vorstießen. 1160 wurden Brandenburg, Havelberg, Werben, Arneburg, Tangermünde, Osterburg und Salzwedel als Hauptburgen der Mark genannt und zur gleichen Zeit erhielt Stendal das Stadtrecht nach Magdeburger Art, womit die Gründung von Städten in Brandenburg eingeleitet wurde.

Die Neusiedler wurden mit Privilegien und Versprechen angeworben, weil von Kriegsgefangenen und Fronarbeitern wenig Effizienz zu erwarten war. Als Anreiz zur Auswanderung in Richtung Osten befreite man die Siedler in den ersten Jahren vom Zehnten und sonstigen Abgaben, bis das urbar zu machende Land Erträge abwarf. Die Abgaben waren dann im Vergleich zur Heimat weit weniger drückend und der Zug nach Osten brachte auch einen Gewinn an persönlicher Freiheit. So konnten Neusiedler zu Erbpächtern werden, der Pächter konnte im Falle der Einigung mit dem Grundherrn sogar sein Land verkaufen und sich im Erbfall seinen Nachfolger selbst wählen. Das Land konnte ohne Erbteilung als Ganzes vererbt werden und blieb dadurch profitabler. Unbemessene Frondienste wie z.B. Hilfe beim Kirchen- oder Burgenbau für den Bischof oder den Landesherrn und die Pflicht zur Heeresfolge gab es hier nicht, so dass sich die Bauern ganz auf die Entwicklung ihres neuen Landes konzentrieren konnten.

Lokatoren

Rechte und Pflichten der Neusiedler regelte man oft in einem Lokatorenvertrag. Der Landesausbau der Mark Brandenburg stellte eine große kulturelle Leistung dar und wurde nach einem einheitlichen Plan durchgeführt, aus dem sich auch die große Anzahl mittelalterlicher Dorfkirchen erklärt, denn laut Plan sollte in jedem neu gegründeten Dorf eine Kirche entstehen. Eine Bauernstelle war jeweils für den Pfarrer vorgesehen, der ebenfalls zur Gruppe der Neusiedler gehörte. Auf diese erste Ansiedlungsaktion unter Albrecht dem Bären und seinem Sohn Otto I. im Fläming erfolgte unter seinen Enkeln Otto II. und Albrecht II. nach 1200 eine zweite, wesentlich größere Besiedelungsphase. Diese dehnte sich auch auf die Gebiete des Teltow im Süden und des Barnim im Osten aus.

Die Lokatoren spielten als Gründungsunternehmer eine wichtige Rolle im Prozess des geplanten Landesausbaus. Sie gehörten zum niederen Adel oder zur gehobenen Schicht der Stadtbürger und wenn sie hinreichende Erfahrungen und eine für die damalige Zeit gute Ausbildung mitbrachten, sowie über ein größeres Vermögen und gute gesellschaftliche Verbindungen zum Feudalherrn und dem Klerus verfügten, stand ihnen eine gute Karrieremöglichkeit offen. Im Auftrage eines Grundherrn oder auch eines Bischofs waren sie für die Anwerbung der Siedler sowie für die Urbarmachung, Vermessung und Zuteilung des zu erschließenden Landes verantwortlich.

Die Angeworbenen mussten in der Anfangsphase der Neusiedlung versorgt und mit Arbeitsmaterialien wie Saatgut, Zugtieren oder Pflug ausgestattet werden. Der Lokator hatte somit bei der Gründung von Städten und Dörfern die wichtigste Funktion, oftmals erhielt der neu gegründete Ort seinen Namen (Heinrichsdorf = Heinersdorf, Richardsdorf = Rixdorf, Reinhardsdorf = Reinickendorf).

Der Lokator wird Schulze

Bei der Landverteilung erhielt der Lokator die doppelte Menge Land – das er auch von Dienstleuten (Kossäten) bearbeiten lassen konnte – und wurde Dorfschulze, der auch die Steuern eintrieb und selbst von der Steuerzahlung befreit war. Die Einnahmen gingen zu je einem Drittel an den Grundherrn, die Kirche und den Lokator. Der Landesherr konnte ihm dieses Amt auch als erbliches Lehen geben – er wurde damit Lehnschulze – oder ihn zum Besitzer eines Ritterguts machen, womit er in den Adelsstand aufstieg.

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Lokator und Hausbau Sachsenspiegel
Lokator und Hausbau. Von Eike von Repgow – Heidelberger Sachsenspiegel, Gemeinfrei

In der um 1300 entandenen Heidelberger Handschrift des Sachsenspiegels findet sich eine sehr schöne Illustration. Sie zeigt die Rolle des Lokators und die grundlegenden Vorgänge beim Landesausbau im Osten. Eine höhergestellte Person überreicht links dem durch einen Hut gekennzeichneten Lokator die mit einem dreieckigen Siegelanhang versehene Gründungsurkunde („Ego dei gratias … = Ich, von Gottes Gnaden …). Darauf beginnt in der Mitte die Rodung des neu erworbenen Landes. Mit dem dabei gewonnenen Bauholz werden Häuser gebaut (rechts). Der untere Bildteil stellt eine Gerichtsszene dar, in der der Lokator vor dem Westteil der bereits fertig gestellten Kirche zu Gericht sitzt. Er beruft sich dabei auf eine ebenfalls mit dreieckigem Siegel versehene Urkunde.

Klöster

Albrechts Nachfolger, seinem Sohn Otto I. (vor 1128 – 1184) ist die Gründung des Zisterzienserklosters Lehnin zu verdanken. Sie hatte aus mehreren Gründen eine besondere Bedeutung. Zisterzienser widmeten sich an allen Stätten ihres Wirkens besonders dem Landesausbau. Die bevorzugten Orte für Zisterziensergründungen lagen von jeher in zu entwickelnden Gebieten. So hatten sie sich im Laufe der Jahre darauf spezialisiert, Land urbar zu machen, Garten- und Ackerbau sowie Fischzucht zu betreiben und auch der anliegenden Bevölkerung die Grundlagen autarken Wirtschaftens, auch auf dem Gebiet des Handels, zu vermitteln. Die Zisterzienserklöster waren an allen ihren Standorten Zentren nicht nur des geistlichen Lebens sondern auch der Schul- und Berufsbildung und des Gesundheitswesens.

Eine weitere besondere Bedeutung lag in Lehnins Funktion als askanisches Hauskloster mit der Grablege der Dynastie. Neben Lehnin entstanden in romanischer Zeit auf dem Gebiet der heutigen Mark Brandenburg noch die Zisterzienserklöster Zinna und Dobrilugk; das erstere auf Veranlassung des Erzbischofs von Magdeburg, letzteres durch den Markgrafen der Lausitz. Hatten die Prämonstratenser in Havelberg, Brandenburg und Jerichow in erster Linie die Christianisierung des Landes im Auge, ging es den Zisterziensern jetzt um dessen dauerhafte Sicherung und Weiterentwicklung. Erst in einer dritten Welle, mit der gezielten Gründung von Städten, gelangten auch die Predigt- und Bettelorden wie Franziskaner und Dominikaner in die Mark. Ihre Gründungen fallen aber bereits in die Zeit der Gotik.

Ritterorden

Eine eigenständige Rolle beim Landesausbau Brandenburgs nahmen die Ritterorden ein. Nach dem Ende der Kreuzzüge im Heiligen Land hatten sich alle Orden neue Betätigungsfelder gesucht. Die Goldbulle von Rimini, eine Urkunde des Stauferkaisers Friedrich II., sicherte z. B. den Deutschrittern die heidnischen Gebiete der Prußen im Weichselgebiet (außerhalb des Heiligen Römischen Reiches!) nach Erobererung und Missionierung als Eigentum zu, was einen Strom von Rittern dieses Ordens in die Gebiete im Osten auslöste. Auch die anderen Ritterorden wandten sich solchen Tätigkeiten außerhalb des Reiches zu. Aber zwischen Elbe und Oder, einem Gebiet das selbst nach der Besiedlung durch slawische Stämme immer als Reichsgebiet angesehen wurde, war diese Eroberungsstrategie nicht möglich. Deshalb verhielten sich die Ritterorden hier etwas bescheidener und beteiligten sich lediglich als Lokatoren am Landesausbau. Durch die Gründung von Kommenden (auch Komtureien genannt), einer Mischung aus Kloster, Burg und Siedlung konnten sie sich im neu besiedelten Land Stützpunkte auf dem Weg in den Osten schaffen und gleichzeitig den Dienst im Zeichen des Kreuzes aufrecht erhalten. Ritterorden, die in Brandenburg eine Rolle spielten, waren bis zu ihrer gewaltsamen Auflösung im Jahre 1312 zunächst die Templer, danach die Johanniter, die auch den Templerbesitz erbten und vor allem der Deutsche Ritterorden, der stets enge Beziehungen zu Brandenburg unterhielt und dessen Besitzungen nach der Reformation an das Haus Hohenzollern fielen, das daraus das Königreich Preußen formte.

Konsolidierung Brandenburgs nach dem Teltow-Krieg und Ende der Askanier

Die Stammburgen der Askanier lagen überwiegend in der Altmark, westlich der Elbe außerhalb des neuen Territoriums. Die von ihnen eroberte Brandenburg ist spurlos untergegangen und von der 1197 erstmals erwähnten Burg Spandau (die aber in ihren Anfängen schon auf Albrecht den Bären zurückgeht) existieren heute nur noch der romanische Juliusturm und einige Grundmauern. Die anderen romanischen Burgen Brandenburgs gehörten Bischöfen oder Adelsgeschlechtern und dienten zur Abgrenzung ihres Besitzes gegen benachbarte Mächte. Die auch später noch folgenden häufigen Kriegsereignisse und die Tatsache, dass die Entwicklung der Kriegstechnik Burgen im Lauf der Zeit obsolet machte, haben von ihnen nur noch Ruinen oder stark überformte Reste übrig gelassen.

Wegen der Fortsetzung des Landesausbaus und der Erstarkung und Vergrößerung des askanischen Territoriums unter Otto II. (nach 1147 – 1205) und seinem Bruder Albrecht II. (vor 1177 – 1220) ergaben sich weitere Konflikte mit dem Erzbischof von Magdeburg (der neben seinem geistlichen Amt auch als weltlicher Herr über den größten Teil seines Bistums gebot), den Wettinern und den Sachsen. Die Auseinandersetzungen kulminierten auf dem Teltow und dem Barnim, wo Ottos Widersacher einen Keil in sein Territorium treiben wollten. Ottos Nachfolger, die Brüder Johann I. (1213 – 1266) und Otto III. (1215 – 1267) entschieden diese Auseinandersetzungen im Teltow-Krieg und im Magdeburger Krieg (1239 – 1245) zugunsten der Askanier. Ab jetzt erstreckte sich Brandenburg von der Grenze Mecklenburgs im Norden bis zum Teltow im Süden und von der Elbe bis zur Oder. Die markgräflichen Brüder betrieben auch die gezielte Neugründung von weiteren Städten, insbesondere auf dem Barnim und dem Teltow. Die Gründung der Doppelstadt Cölln/Berlin war dagegen schon vor ihrer Regierungszeit erfolgt, wie neueste Untersuchungen belegen. Sie sollte später der Hauptort Brandenburgs und die Hauptstadt Brandenburg/Preußens werden und das Datum ihrer Ersterwähnung in einer Urkunde von 1237 als Gründungsdatum feiern, obwohl sie da bereits seit 70 Jahren existierte. Die Expansion Brandenburgs war nach dem Teltow-Krieg beileibe nicht zu Ende, denn jetzt wurde die Oder überschritten und auf dem anderen Ufer die Neumark gegründet.

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Die Mark Brandenburg unter den Askaniern um 1320
Die Mark Brandenburg zum Ende der Askanischen Dynastie um 1320. Von Maximilian Dörrbecker (Chumwa) – Eigenes Werk, using this file by Captain Blood as basis, GFDL

Bei den Askaniern waren stets alle direkten männlichen Nachkommen erbberechtigt (deshalb regierten oft mehrere Brüder gleichzeitig), dennoch starb die Dynastie 1319, nach dem Tode Waldemars, aus. Um seine Hausmacht zu stärken, vergab nun Kaiser Ludwig (IV.) der Bayer die Mark als zurückgefallenes Lehen an seinen minderjährigen Sohn Ludwig den Brandenburger, was eine lange Phase von Unruhen und Wirren auslöste, die auch unter dem nachfolgenden Haus Luxemburg anhielt. Die Mark verkam zur bloßen Einnahmequelle für beide Dynastien, der lokale Adel maßte sich die Rechte des Landesherrn an, Fehden und Raubrittertum waren an der Tagesordnung. Erst 1417, mit der Belehnung des Burggrafen von Nürnberg aus dem Hause Hohenzollern, Friedrich I. von Brandenburg begann der Wiederaufstieg des Landes.

Mittelalterliche Lebensbedingungen am Beispiel des Museumsdorfes Düppel

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit Museumsdorf Düppel
Museumsdorf Düppel, aufgenommen von einer öffentlich zugänglichen Schautafel

Wenn man sich die Lebensbedingungen der Siedler am Anfang des 13. Jh. vergegenwärtigt, kann man erst ihre enorme kulturelle Leistung – nämlich die Gründung von Orten, Ausbau der Infrastruktur wie Straßen, Brücken, Burgen, Stadtmauern und vor allem die Errichtung so vieler Kirchen aus eigener Kraft bei eingeschränktesten Ressourcen – hinreichend würdigen. Das Museumsdorf Düppel macht das auf sehr anschauliche Art und Weise deutlich. Am Machnower Krummen Fenn, einem kleinen Tümpel im Südwesten Zehlendorfs, hat sich ein Ende des zwölften Jh. besiedeltes Gelände erhalten, ohne später jemals wieder überbaut worden zu sein. Kinder, die dort Tonscherben fanden, brachten die Archäologen auf die Spuren eines im Verlauf des Landesausbaus gegründeten, aber bald wieder verlassenen Dorfes. Von ihm haben sich im hellen märkischen Sandboden die Verfärbungen der verrotteten Holzpfähle oder Spaltbohlen erhalten, aus denen die Siedler ihre einfachen Behausungen errichtet hatten.

Experimentelles Museum

Aufbauend auf ein Projekt polnischer Archäologen, die im polnischen Biskupin eine slawische Ansiedlung aus dem 4. Jh. v. Chr. erforscht und rekonstruiert hatten, wurde in Düppel auf private Initiative ein experimentelles Museum gegründet, in dem die Lebensumstände der Kolonisten des 12. Jh. untersucht und rekonstruiert werden. Nach anfänglichen Sondierungsgrabungen, bei denen die Siedlungsgeschichte der Niederlassung untersucht wurde, beschloss man, die Häuser auf den alten Grundrissen wieder aufzubauen und das Alltagsleben der einstigen Bewohner darzustellen.

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Palisade mit Eingangsbereich
Palisade mit Eingangsbereich
Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Wehrgang der Palisade
Wehrgang der Palisade

Aufgrund des archäologischen Befundes nehmen die Archäologen an, dass sich hier Ende des 12. Jh. eine Raststation auf halbem Wege zwischen Saarmund und Berlin befunden hatte. Diese lag am Krummen Fenn und wurde durch eine Palisade gesichert. Hier konnten die Reisenden sicher übernachten und auch ihre Waren schützen. Die Bewohner der Station lebten in drei unterschiedlichen Blockhäusern.

An diesen relativ sicheren Ort zogen Anfang des 13. Jh. die Siedler. Die dendrochronologische Untersuchung eines zum Brunnenbau verwendeten Balkens ergab eine Bauzeit um 1200. Es gab vermutlich zwei Phasen der Besiedelung. Erst wurde die Palisade zum Schutz errichtet, später entstand das Dorf.

Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Siedlungsphase 1 Düppel Palisade
Siedlungsphase 1 Düppel Palisade. Aufgenommen von einer öffentlich zugänglichen Schautafel
Geschichte Brandenburgs in romanischer Zeit. Siedlungsphase 2 Kleines Dorf
Siedlungsphase 2 Kleines Dorf. Aufgenommen von einer öffentlich zugänglichen Schautafel

Die Menschen errichteten ihre wenigen Bauerngehöfte als Ständerbauten mit lehmverputzten Flechtwerkwänden oder als Holzbauten mit Wänden aus Spaltbohlen, in denen sie zusammen mit dem Vieh wohnten.

Detail einer Türzarge mit Übergang zum lehmverputzten Wandflechtwerk
Detail einer Türzarge mit Übergang zum lehmverputzten Wandflechtwerk
Detail eines Wandflechtwerks
Detail eines Wandflechtwerks

Zweck der Gebäude

Die Grundrisse lassen nur vage Vermutungen über den Zweck der Gebäude zu, eine Kirche scheint sich jedoch nicht darunter befunden zu haben. Das führte zu der Annahme, dass sich mehrere, in fußläufiger Entfernung voneinander gelegene kleine Dörfer eine Kirche teilten. Zwei der Dörfer überlieferten ihren Namen (Slatdorp und Krummensee), während der Name des Düppeler Dorfes unbekannt blieb. Tatsache ist, dass alle drei Orte untergingen, weil die Siedler sich einen anderen Siedlungsort suchten, an dem sie sich ein ertragreicheres Leben erhofften. Diese Ansiedlung ist vermutlich das heutige Zehlendorf, wo sich viel besser zu bewirtschaftende Böden befanden. Im Museumsdorf erforscht man heute mittelalterliche Handwerke wie Schmied, Imker, Tuchweber und -färber, Zimmermann und Teerschweler.

Die einfachen Lebensbedingungen des 12. Jh. unterschieden sich nicht groß von denen der Slawen in Biskupin, die mehr als 1000 Jahre zuvor gelebt hatten. Lediglich in der Eisenbearbeitung hatten die Menschen des 12. Jh. einen Vorsprung, der es ihnen möglich machte, verbesserte landwirtschaftliche Geräte wie den Räderpflug zu entwickeln. Durch dessen Verwendung wurde die Nahrungsmittelproduktion um ein Vielfaches gesteigert und ein Bevölkerungswachstum erreicht, das auch die Besiedlung der ostelbischen Lande möglich machte.

Die Verbesserung von Werkzeugen und Waffen veränderte das Wirtschafts- und Kriegswesen erheblich. Schließlich wurde die Bearbeitung von Steinen, selbst des spröden Feldsteins, möglich und dies mündete im Bau so vieler steinerner Dorfkirchen. Als Bauten für die Ewigkeit verlangten sie nach diesem Baumaterial, während man die Alltagsgebäude – insbesondere in den Dörfern – nach wie vor aus Holz errichtete.

Infobox Museumsdorf Düppel


Adresse

Clauertstraße 11
14163 Berlin (Zehlendorf)

Offizielle Website

Museumsdorf Düppel

Öffnungszeiten

Anfahrt und Öffnungszeiten