Stadtwüstung Freyenstein

Stadtwüstung Freyenstein Stadtplan rekonstruiert
Stadtplan der Stadtwüstung, Freyenstein, rekonstruiert nach geophysikalischen Untersuchungen. Zeichnung: Thomas Schenk

Fährt man von Putlitz in Richtung Meyenburg weiter nach Norden, so kann man im archäologischen Park Freyenstein eine einzigartige Ausgrabungsstätte erleben, die wie keine andere, Aufschluss über eine neugegründete Stadt während des Landesausbaus gibt.

Hier hatten die Neusiedler – im Auftrag des Havelberger Bischofs, wohl in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts – eine stattliche planmäßige Stadt angelegt, die 1263 als Vrigenstene erstmals erwähnt wurde. Sie lag zwischen sanften Hügeln und der Dosseniederung direkt an der hart umkämpften Grenze zu Mecklenburg und umfasste eine Fläche von 25 ha, die mit einer Feldsteinmauer umgeben war. Es wurden Straßen angelegt und gepflastert und eine große Fläche in der Mitte für einen Marktplatz freigelassen. Am Rande der Stadt befand sich eine kleine Adelsburg. Die Grenzlage der Stadt, die Tatsache, dass sie trotz der Mauer relativ ungeschützt in der Landschaft lag, sowie ihre für die Verteidigung zu große Ausdehnung führten immer wieder zu Belagerungen und verheerenden Zerstörungen.

Wüstung

Deshalb verließen die Bürger ihre Ansiedlung schon nach mehreren Jahrzehnten wieder (um 1287) und errichteten – diesmal auf Veranlassung der Brandenburgischen Markgrafen – eine neue mit gleichem Namen an einem nahe gelegenen, geschützten Platz in der Niederung eines kleinen Dosse-Nebenarmes. Die Fachwerkgebäude der aufgegebenen Stadt wurden abgerissen, die steinernen Keller mit Sand verfüllt und die Stadtfläche wieder als Ackerland genutzt. Damit war das alte „Vrigenstene“ zur „Wüstung“ geworden. Nur die Reste der Stadtbefestigung und der Flurname “Altstadt” hielten über Jahrhunderte die Erinnerung daran wach.

Archäologischer Park Freyenstein Straße aus Feldsteinen
Zweispurige Straße aus Feldstein (Kopfsteinpflaster)
Von A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Archäologischer Park Freyenstein. Verschütteter Keller.
Verschütteter Keller.
Von A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Durch den Wiederaufbau der Stadt an anderer Stelle blieben die unterirdischen Reste der alten Siedlung ungestört im Boden erhalten, was beim Verbleiben der Siedlung am selben Ort unmöglich gewesen wäre. Für Deutschland ist es einzigartig, dass solch ein kompletter Stadtgrundriss, mit Mauer- und Straßenverläufen, Brunnen, Kellern und Resten von Grundmauern aus der Zeit der Spätromanik erhalten geblieben ist, gewissermaßen ein mittelalterliches Pompeji. Auch ist in ganz Mitteleuropa die Aufgabe einer Siedlung im 13. Jahrhundert – einer Expansions- und Gründerzeit – sehr selten, anders als im pest- und krisengeplagten 14. Jahrhundert. Seit den 1980er Jahren gibt es auf dem Gelände archäologische Untersuchungen. Mit einem geophysikalischen Magnet-Messverfahren konnte man den genauen Grundriss der Stadt rekonstruieren, nach Friedhof, Kirche und Burg sucht man noch. Im Sommer 2007 öffnete der Archäologische Park Freyenstein auf der Fläche der alten Stadt seine Pforten.

Archäologischer Park Freyenstein

Die noch nicht abgeschlossene Rekonstruktion des Stadtgrundrisses zeigt bereits die rasterförmige Gestalt mit der großen Freifläche in der Mitte, dem Marktplatz. Das deutet auf eine planmäßige Anlage hin, wie sie im Zuge des Landesausbaus im Osten üblich war. Die archäologischen Grabungen erbrachten interessante Erkenntnisse: Die in der Anfangszeit errichteten Holz- und Fachwerkbauten besaßen aus Feldstein gemauerte Kellerräume. Es wurden verschiedene Keller von Stadthäusern freigelegt, ein besonders gut erhaltener Steinkeller wurde 2007 ausgegraben und mit einem modernen Glaspavillon geschützt. Dieser hervorragend erhaltene Bau besteht aus nur wenig bearbeiteten Feldsteinen und besitzt einen tonnengewölbten Zugang mit einer Treppe. Sorgfältig in die Wände eingefügte Lichtschächte und Nischen dienten zur Beleuchtung und Aufbewahrung von Vorräten. Der Keller gehörte zu einem größeren Fachwerkgebäude, das dicht an der breiten Straße zum Marktplatz stand. Geborgene Funde und die solide Bauweise des Raums belegen den Wohlstand der Bewohner des Hauses.

Archäologischer Park Freyenstein Keller aus romanischer zeit
Keller aus romanischer Zeit.
Von A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Archäologischer Park Freyenstein. Kellereingang
Kellereingang
Von A.Savin (Wikimedia Commons · WikiPhotoSpace) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Archäologischer Park Freyenstein Keller aus romanischer Zeit mit rundbogiger Tür
Freigelegter Keller mit rundbogiger Tür. Foto: Thomas Hauptmann
Archäologischer Park Freyenstein. Kellerwand mit Aufbewahrungsnischen, Der Türbogen zur Kellertreppe ist vollständig erhalten.
Kellerwand mit Aufbewahrungsnischen, Der Türbogen zur Kellertreppe ist vollständig erhalten. Foto: Thomas Hauptmann

Besucher können sich in einer Ausstellung über die Geschichte der Stadtwüstung und das städtische Leben im Mittelalter informieren und vor Ort verschiedene Baubefunde besichtigen, die einst vom Gras überwuchert waren. Um diesen Blick unter die Grasdecke zu verdeutlichen, wurden zwei „hochgeklappte“ Grasnarben errichtet, die die Sicht auf mehrere Steinkeller freigeben. Diese beiden Stücke gehören – zusammen mit freigelegtem Straßenpflaster, drei Unterständen, elf noch verfüllten Kellern, einer Inszenierung des mittelalterlichen Markt- und Stadtgeschehens sowie einem umfangreichen Audioguide – zum 2015 fertiggestellten und 905 000 Euro teuren dritten Bauabschnitt des Archäologischen Parks. Der fortgesetzte schrittweise Ausbau wird den Park um Attraktionen wie die Burgstelle, weitere Rekonstruktionen und Schauvorführungen bereichern.

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