Brandenburg: St. Gotthardt, Dom, St. Nikolai

Während des ganzen Mittelalters galt Brandenburg an der Havel als der Hauptort des Landes, dem es auch seinen Namen gab. Erst unter den Kurfürsten aus dem Hause Hohenzollern entwickelte sich Berlin zur Hauptstadt. Die Eroberung Albrechts des Bären hatte in Brandenburg ihren Anfang genommen, aber schon lange vorher (948) war hier das erste Bistum gegründet worden. Noch heute befindet sich in dieser Stadt die größte Anzahl romanischer Bauwerke im Lande Brandenburg. Als Albrecht der Bär Brandenburg einnahm, existierte eine kleine slawische Wohnsiedlung auf dem Gelände der heutigen Dominsel. Hier hatte sich auch der erste Dom aus ottonischer Zeit befunden, der aber – da aus Holz gebaut – beim großen Slawenaufstand abbrannte. Seitdem stand auf diesem Platz die Burg des Slawenherrschers Pribislaw, ebenfalls ein Holzbau. Nachdem dieser zum christlichen Glauben konvertiert war, sandte der magdeburgische Erzbischof Prämonstratensermönche aus Leitzkau nach Brandenburg um die erneute Gründung eines Bischofssitzes vorzubereiten.

Stadtkirche St. Gotthardt

Stadtkirche St. Gotthard Westfassade des Turms
Stadtkirche St. Gotthardt, Westfassade des Turms.

Noch vor dem Einfall Albrechts des Bären in die Mark Brandenburg begannen die Leitzkauer Mönche unter ihrem Titularbischof Wigger 1160 mit dem Bau eines neuen Doms in Brandenburg/Havel. Da sich Pribislaws Burg auf dem alten Kathedralgelände befand, wurde die Siedlung Parduin als Standort ausgewählt, dort wo später die Altstadt Brandenburg entstand. Die Kathedrale sollte ein Gebäude für die Ewigkeit werden, deshalb verwendeten die Mönche Feldstein als Baumaterial. Dem Rang des Bauwerks entsprechend wurden die kristallinen Gesteine besonders sorgfältig zugehauen. Geplant war eine doppeltürmige Basilika, wie sie die Prämonstratenser bevorzugten. Ein entsprechender Kirchenbau (mit Doppelturmfassade, basilikalem Langhaus, Querschiff und einschiffigem Chor mit Apsis) hat sich in Burg bei Magdeburg vollständig erhalten, auch der Ursprungsbau der Berliner Nikolaikirche folgte (bis auf die Doppelturmfassade) diesem Plan. Während der Bau in Parduin in die Höhe wuchs, hatte sich Albrecht der Bär nach Pribislaws Tod in dessen Burg auf der ehemaligen Dominsel niedergelassen. Damit kein Kirchenbesitz verloren ginge, forderte Bischof Wigger von ihm das alte Domareal zurück. Albrecht gab nach, behielt aber die Hoheitsrechte auf das Grundstück, auf dem umgehend die Bauarbeiten für den Neubau begannen und die schon weit fortgeschrittenen in Parduin eingestellt wurden. Das monumentale, dreifach abgetreppte Portal mit Granitkapitellen, dem großen Überfangbogen und darüber das gewaltige Rundfenster sowie im Inneren die Vorhalle und darüber die dreischiffige Herrscherloge waren schon vollendet und die Turmfront hatte bereits eine beeindruckende Höhe angenommen.

St. Gotthard Romanisches Westportal in der Feldsteinfassade
St. Gotthardt Romanisches Westportal in der Feldsteinfassade
St. Gotthardskirche. Seltene Ornamente in Feldstein. Abgetreppte Bögen des Westportals.
Seltene Ornamente in Feldstein. Abgetreppte Bögen des Westportals.
St. Gotthard Turmkammer mit Rundbogenfenster und Feldsteinmauerwerk
Turmkammer mit Rundbogenfenster und Feldsteinmauerwerk
St. Gotthardskirche. Seltene Ornamente in Feldstein. Bogen des Westportals.
Seltene Ornamente in Feldstein. Bogen des Westportals.
St. Gotthard Turmkammer. Kleiner Andachtsraum.
Turmkammer. Kleiner Andachtsraum.
St. Gotthardskirche Gewölbe im Eingangsbereich des Turms. Barocke Kirchturmuhr.
Gewölbe der Vorhalle. Barocke Kirchturmuhr.

Backstein statt Feldstein

St. Gotthardskirche von Südost
St. Gotthardtkirche von Südost

Das Liegenlassen der angefangenen Kirche ergab wenig Sinn. Deshalb bestimmte die Bürgerschaft der gerade gegründeten Altstadt Brandenburg die bereits errichteten Teile für den Bau der neu geplanten Pfarrkirche St. Gotthard. Das Patrozinium für St. Gotthardt (nach dem auch der Gotthardpass in den Alpen benannt ist) deutet auf die Kaufleute Brandenburgs hin, bei denen dieser Heilige sehr beliebt war. Für die jetzige Bürgerkirche gab man die monumentalen Doppeltürme auf, deren Stümpfe quer gestellte Satteldächer erhielten; in Feldstein zog man einen niedrigen Mittelturm hoch. Ob die neuen Bauherren beim Weiterbau der Schiffe von der Verwendung von Feldstein Abstand nahmen, da Ziegelsteine durch das Domkloster jetzt leicht verfügbar waren und zudem das Bauen erleichterten, lässt sich nicht mehr klären, denn 1456 wurde mit Ausnahme der Westteile alles Romanische abgerissen und durch den Neubau einer Hallenkirche im jetzt vorherrschenden Baustil der späten Gotik ersetzt. Der romanische Mittelturm der Fassade erhielt einen zweistöckigen Aufbau in Backstein, der in der Barockzeit noch mit einer geschweiften Haube gekrönt wurde.

Ausstattung

St. Gotthard Triumphkreuzgruppe
Triumphkreuzgruppe

Das Innere der Hallenkirche mit ihren spitzbogigen Gewölben wurde prachtvoll ausgeschmückt. Es erhielt wertvolle Ausstattungsstücke wie das spätromanische Taufbecken aus Bronzeguss und den berühmten gotischen Einhornteppich. Diese beiden qualitativ hochwertigen Stücke stammen definitiv nicht aus Brandenburg, der Bildteppich höchstwahrscheinlich aus einem der Klöster in der Lüneburger Heide, dem nächst gelegenen Ort, an dem die Infrastruktur zur Herstellung solch eines Werks existierte. Der Wert für Bildteppiche bemaß sich an der Anzahl der Knoten und die Tatsache, dass die Brandenburger sich die 1A-Qualität nicht leisten konnten, macht den Teppich für uns heute besonders attraktiv: Durch die geringere Anzahl von Knoten erscheint die Darstellung quasi “verpixelt” und abstrahiert, so dass sie ein wenig an expressionistische Kunstwerke erinnert. Eine Triumphkreuzgruppe und ein Flügelaltar aus der Gotik, Renaissance-Epitaphe von Patriziern sowie eine barocke Wagner-Orgel vervollständigen die Ausstattung von St. Gotthard. Von der originalen Orgel, die über der Eingangsempore eingebaut ist, existiert allerdings nur noch der Prospekt – das eigentliche Instrument ist ein Neubau der renommierten Potsdamer Firma Schuke.

Spätromanische bronzene Taufschale aus dem 13. Jahrhundert
Spätromanische bronzene Taufschale aus dem 13. Jahrhundert
St. Gotthardskirche Böses Gesicht Ornament
Ornament “Das Böse Gesicht”
St. Gotthard Teppich mit Darstellung der Jagd auf ein Einhorn. 15. Jahrhundert.
Wertvoller Wirkteppich mit Einhorn-Darstellung, aus der Lüneburger Heide, 15. Jahrhundert.
Zentrales Detail des Einhornteppichs.
Zentrales Detail des Einhornteppichs.
St. Gotthardskirche Spätgotischer Flügelaltar
Spätgotisches Triptychon mit Abendmahlszene in der mittleren Tafel

Die Kirche steht abgeschottet von der Altstadt auf einem engen Areal, das von stimmungsvollen alten Häusern umgeben ist. Hier befand sich auch, vor dem Umzug auf die Dominsel, der alte Bischofshof. Er ging später an die adlige Familie von Saldern über, die aus der gegenüber dem Westportal gelegenen Lateinschule von St. Gotthardt ein Gymnasium (die Saldria) machten und es an dieser Stelle unterbrachten.

Dom St. Peter und Paul

Dom St. Peter und Paul zu Brandenburg an der Havel. Blick von Süden auf die Dominsel.
Dom St. Peter und Paul zu Brandenburg an der Havel. Blick von Süden auf die Dominsel.

Anno 1165, unmittelbar nachdem die Prämonstratenser den Dombau in der Altstadt aufgegeben hatten, erfolgte die Grundsteinlegung der neuen Kirche auf der Dominsel. Dieser Dom, den Aposteln Petrus und Paulus geweiht, weist trotz erheblicher Umbauten im Grunde noch das ursprüngliche Erscheinungsbild auf. Er ist das älteste noch erhaltene Bauwerk und Ausgangspunkt der Geschichte der Mark Brandenburg. Geplant war er als einschiffige, kreuzförmige romanische Saalkirche aus Backstein mit einem Querriegel im Westen. Da diese schlichte Gestaltung nicht zu einer Bischofskirche passte, wurde gleich nach Baubeginn umgeplant: Nun entstand eine im Langschiff dreischiffige Basilika mit zwei Westtürmen, der nach wenigen Jahren eine zum Hauptschiff geöffnete Krypta unter dem Hohen Chor eingefügt wurde. Die Doppelturmfassade wurde dann aber ein Opfer der Geldknappheit, weshalb heute nur der Nordturm sowie ein Stumpf des Südturms existieren.

An der Nordseite schließen sich die Klosterbauten für die Prämonstratensermönche mit Kreuzgang, Kapitelsaal, Refektorium, Dormitorium und kleineren Funktionsräumen an. Der Baustil dieser Gebäudeteile geht von der Spätromanik langsam in die Frühgotik über. Den Nordflügel des Klosteranbaus bildet die sogenannte Spiegelburg, das Palais des Bischofs. Dieser residierte hier allerdings nur ungern, da sich das Domgrundstück in landesherrlichem Besitz befand und der Bischof in der Stadt keine Herrschaftsrechte ausüben durfte. Deshalb bauten die Brandenburger Bischöfe die Burg Ziesar, die als Pfründe von jeher zum Bistum gehört hatte, zu ihrem Stammsitz aus (siehe dort). Den Gottesdienst im Dom besorgten die Prämonstratenser-Chorherren, die nach der Reformation nicht mehr im Domkloster wohnten, sondern in eigens für sie auf dem Domhof errichteten Domherrenhäusern. Das zuletzt errichtete Gebäude der Domklausur ist der am Domhof gelegene Westflügel, der 1871 als Neubau für die Ritterakademie (ein Gymnasium für den brandenburgischen Adel) im neugotischen Stil eröffnet wurde.

Probleme der Gotik

Dom Schiff Südseite
Domkirche Schiff Südseite mit Querschiff

Der Dom besaß ursprünglich ein niedriges Hauptschiff mit einer flachen Balkendecke. Dies wurde in Zeiten der Gotik mit ihren hoch aufragenden Gewölben zunehmend als unbefriedigend empfunden.

Dom St. Peter und Paul Brandenburg Rekonstruktionszeichnung des romanischen Innenraums
Dom St. Peter und Paul Brandenburg Rekonstruktionszeichnung des romanischen Innenraums. Aus der Festschrift zum 800 jährigen Bestehen des Doms.

Man plante deshalb eine Aufstockung des Mittelschiffs und den Einzug von Gewölben. Für die Aufnahme der erhöhten Deckenlast verstärkte man die Dicke der romanischen Rundbogenpfeiler, so dass die romanischen Kämpfer aus Kalkstein jetzt nur noch teilweise (auf der zum Hauptschiff gewandten Seite der Pfeiler) aufliegen. Da man aber den Rhythmus der Gewölbejoche nicht synchron zu dem der Rundbogenpfeiler gewählt hatte, entstand eine ungute Situation: An einigen Stellen lastete der Gewölbedruck nicht auf dem Pfeiler, sondern auf dem Rundbogen zwischen zwei Pfeilern. Das sorgte für Risse in den Wänden des Obergadens und für instabile Gewölbe.

Zu Zeiten Schinkels war der Dom stark einsturzgefährdet, jedoch erkannte Preußens oberster Baubeamter die Bedeutung dieses Bauwerks und regte Abhilfemaßnahmen an. Bei späteren Bauuntersuchungen kam heraus, dass es auch im Fundament, das ebenfalls als Pfeiler- und Bogenreihe konstruiert war, ähnliche Probleme gab. Die Lasten wurden hier ebenfalls über einem Bogen statt einem Pfeiler abgefangen. Obendrein standen die Fundamente im Graben von Pribislaws ehemaliger Burg und erreichten nirgendwo den gewachsenen Boden. Nach langwierigen und 30 Mio € teuren Renovierungsmaßnahmen ist der Dom nun aber saniert und gleichzeitig in erneuerter, am Mittelalter orientierter Farbigkeit wiederhergestellt worden.

Hautschiff mit romanischen Arkaden. Blick nach Osten
Hauptschiff mit romanischen Arkaden und verstärkten Pfeilern. Blick nach Osten
Hoher Chor
Hoher Chor

Bunte Kapelle

Ein besonderes Prachtstück ist die im Südosten neben dem Chor liegende „Bunte Kapelle“ aus der Spätromanik mit ihren wundervoll gemalten Pflanzenranken. Sie befinden sich an der Decke, in den Segmenten des Kreuzrippengewölbes, das von einer Mittelsäule getragen wird. Auch an den Wänden sind noch Reste von Malerei zu sehen.

Die Bunte Kapelle mit wundercshönen mittelalterlichen Putzmalereien
Die Bunte Kapelle mit wunderschönen mittelalterlichen Fresken
Die Bunte Kapelle
Die Bunte Kapelle
Detail in der Bunten Kapelle
Backsteinornamentik in der Bunten Kapelle

Krypta

Die unter dem hohen Chor befindliche, zu den Querschiffen und dem Hauptschiff geöffnete romanische Krypta hat ihre Vorbilder in Oberitalien und findet im Norden nur noch in Jerichow eine Entsprechung. Durch ihre Ostfenster und die allseitige Öffnung zur Kirche hin wirkt sie hell und leicht und gar nicht wie ein unterirdisches Gebäude. Die in wunderbarer Präzision ausgeführten romanischen Kalksteinkapitelle und sonstigen Schmuckelemente wurden in Magdeburg gefertigt, weil man in Brandenburg weder Zugang zu Werkstein noch Steinmetze mit dem entsprechenden Können besaß. Ihre Herstellung war in Unkenntnis ihres späteren Verwendungsortes erfolgt, weshalb die Einpassung vor Ort oft schwierig war. Man musste sie an schlecht passenden Orten verbauen und manchmal konnten sie nicht der Symmetrie der Architektur folgen, weil sie alle Einzelstücke waren. In der Mitte der Krypta sind zwei Säulen so eng aneinander gerückt, dass zwei der hervorragend ausgearbeiteten Schauseiten ihrer Kapitelle (wie man mit den Fingern ertasten kann!) überhaupt nicht sichtbar sind.

Dom St. Peter und Paul Brandenburg Krypta
Stich der Krypta. Aus „Inventar der Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg“ von R. Bergau, Berlin 1885, Vossische Buchhandlung, gemeinfrei

Ausstattung

Im Dom finden sich noch viele andere hochwertige mittelalterliche Ausstattungsstücke: Ein frühgotischer Paramentenschrank, gotisches Chorgestühl und zwei Triumphkreuze, eins davon spätromanisch.

Chorgestühl und Dreigiebelschrein
Gotisches Chorgestühl und dreigiebliger Paramentenschrank mir Lüftungsöffnungen
Triumphkreuzgruppe
Triumphkreuzgruppe

Der böhmische Altar

Ursprünglich stand mitten im Domchor der „Böhmische Altar“, ein Triptychon mit Schnitzfiguren einer Marienkrönung und vier Heiligen in der Mitte und je 12 Heiligen sowie gemalten Szenen aus dem Leben von Petrus und Paulus auf den Flügeln. Er lässt sich laut einer im Archiv verwahrten Urkunde auf 1375 datieren und steht mit dem Besuch Kaiser Karls IV. in Brandenburg in Verbindung, als dieser dem Dom wertvolle Reliquien von Petrus und Paulus stiftete. Vielleicht schuf ihn der Künstler für diesen Anlass, denn offensichtlich gab es in jener Zeit einen regen kulturellen Austausch mit Böhmen, woher auch der Schöpfer des Brandenburger Altars stammte. Schließlich waren die Luxemburger, das Kaiserhaus, dem Karl IV. angehörte, gleichzeitig Herrscher Böhmens und Brandenburgs.

Böhmischer Altar
Böhmischer Altar.
Von Jörg Blobelt – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Die auf Goldgrund gemalten Szenen auf der Unterseite der Flügel zeichnen sich durch einen lebhaften Realismus aus, insbesondere in den Bildern der Paulus-Vita mit seinen Predigten an die Juden. Diese tragen den Judenhut, mit dem man die jüdischen Bürger im Mittelalter kennzeichnete, aber auch diskriminierte. Die Petrus-Szene auf dem See Genezareth ist höchst originell: Petrus bemerkt verwundert, dass er versinkt, während der Herr auf dem Wasser läuft.

Der Klappaltar, ein einzigartiges Kunstwerk, wurde in der Barockzeit auseinander genommen und mit dem Lehniner Altar, der nach der Aufhebung dieses Klosters in der Reformation nach Brandenburg gelangte, zu einem Gesamtkunstwerk verschmolzen. Erst Ende des 19. Jh. erkannte man den hohen Wert der böhmischen Bildtafeln und rekonstruierte den originalen Altar – leider nicht ganz richtig. Er hat jetzt im Südflügel des Querschiffs seine Aufstellung gefunden. Im Chor mit dem Hauptaltar steht nach wie vor der (ebenfalls restaurierte) Lehniner Altar.

Die “Judensau”

Ein weiterer Bezug zum mittelalterlichen Verhältnis der Menschen zum Judentum findet sich in der Darstellung der “Judensau” im Kreuzgang. Hier kann man auf einem Kapitell in Augenhöhe eine Sau erkennen, die ihre Ferkel säugt. Der Kopf des Tieres ist allerdings menschlich, bekleidet mit dem charakteristischen Judenhut. Ein weiterer als Jude gekennzeichneter Mann greift nach dem Kot des Schweins. Da sich die Darstellung im Innern der Klausur befindet, die nur Klerikern zugänglich war, muss es sich hier um eine “theologische” Auseinandersetzung mit dem Judentum handeln. Da man die Juden als “Mörder unseres Herrn” ansah, gab es keinerlei Hemmung, sie auf solch diffamierende Weise zu diskriminieren.

Älteste bekannte sogenannte "Judensau" um 1230. Kapitell im westlichen Kreuzgang.
Älteste bekannte sogenannte “Judensau“, um 1230, an einem Kapitell im Kreuzgang des Ostflügels der Klausur. Ein namentlich genannter Jude wird als Schwein mit menschlichem Gesicht und “Judenhut” gezeigt, das Ferkel säugt. Das den Juden als unrein geltende Schwein symbolisiert hier die Synagoge (das Judentum), die Darstellung wirkt auf mehrfache Weise verhöhnend, herablassend und demütigend.

Weitere Ausstattung

Orgel von Joachim Wagner 1723 bis 1725
Orgel von Joachim Wagner 1723 bis 1725

Von den neueren Ausstattungsstücken ist die barocke Wagner-Orgel eines der besten Instrumente in Brandenburg. Im Dommuseum werden weitere Schätze gezeigt, wie das gewebte „Hungertuch“ von 1290, mit dem man zur Fastenzeit den Altar verhüllte und das Original der Urkunden zur Gründung des Bistums Brandenburg von 948 und der Stadt Berlin von 1244.

Grundriss

Brandenburg Dom, Grundriss nach Georg Dehio, gemeinfrei.
Brandenburg Dom, Grundriss nach Georg Dehio, gemeinfrei.

Rundgang um den Dom

Auch ein Rundgang um den Dom fördert Interessantes zutage: Da ist zum einen der Davidstern an der Fassade (halb verdeckt durch die Türme), der aber für eine christliche Kirche nichts Ungewöhnliches ist, denn das Symbol galt als das Siegel Davids und per definitionem entstammt ja der Messias demselben Geschlecht. Das Hexagramm sollte während der Nazidiktatur durch ein Hakenkreuz ersetzt werden, wozu es aber zum Glück nicht kam, weil es sich an einer schlecht sichtbaren Stelle befindet und seine Entfernung wertvolle mittelalterliche Bausubstanz zerstört hätte. Zum anderen stehen am Domhof die Domherrenhäuser, zwar nicht mehr mittelalterlich, aber dennoch ein sehr stimmungsvolles Ensemble bildend. Auf der Nordseite der Klausur befinden sich wieder spätromanische und frühgotische Gebäude, die während der DDR-Zeit als Priesterseminar genutzt wurden – damals ein Refugium für kritische Geister.

Hexagramm an der Westfassade des Hauptschffes.
Hexagramm an der Westfassade des Hauptschiffes.
St. Petri Kapelle Ansicht von Nordost
St. Petrikapelle Ansicht von Nordost

Petrikapelle

Südlich des Doms steht auf einem ummauerten Gelände die gotische Petrikapelle, ein relativ kleiner rechteckiger Bau von etwa 26,5 × 12 m Seitenlänge. Laut sehr alter Urkunden ging sie aus der Burgkapelle des Landesherrn hervor, also des slawischen Pribislaw, der sich nach der Konversion zum Christentum Heinrich nannte. Im unteren Bereich der Wände zieht sich um den gesamten Bau Feldsteinmauerwerk aus regelmäßig behauenen Quadern herum. Wenn wir den Quellen Glauben schenken, müssten diese Mauern noch romanisch sein und wären damit Bestandteil des ältesten Gebäudes der Mark Brandenburg, noch vor dem ebenfalls aus regelmäßigen Feldsteinquadern errichteten Westwerk der Gotthardtkirche.

Petrikapelle Feldsteinmauerwerk Aufnahme von Norden
St. Petrikapelle, umlaufendes Feldsteinmauerwerk. Aufnahme von Norden.

Bei archäologischen Ausgrabungen fand sich unter der vermauerten südlichen Tür der Kapelle eine – seit Jahrhunderten als Schwelle dienende – Stele. Bei dieser Pforte handelte es sich um die originale Eingangstür, die man im Zuge der Renovierung des Gotteshauses wieder öffnete. Die mit einem Flechtbandknoten und einem Vortragskreuz verzierte Stele könnte zum Grabmal einer hochgestellten Persönlichkeit des 12. Jahrhunderts gehört haben, vielleicht sogar dem von Pribislaw selbst. Die Spolie wird im Dom aufbewahrt und harrt einer abschließenden Untersuchung und der Klärung der Frage, in welcher Form sie auszustellen sei.

Das heutige Erscheinungsbild der Kapelle geht auf einen Umbau in Backstein zurück, auf den Ablässe im Jahr 1312 hinweisen. 100 Jahre später wurde sie zur zweischiffigen Halle mit Zellengewölben, einer in Böhmen entstandenen, speziellen gotischen Wölbungstechnik, die an Faltarbeiten aus Papier erinnert. Außen umziehen schlichte Blenden den Bau, lediglich der Ostgiebel ist reicher verziert. (Der im Westen entstammt einer Renovierungsmaßnahme des 19 Jh.). Die drei äußeren Stützpfeiler mussten 1588 wegen des sumpfigen Untergrunds angebracht werden.

Das gesamte ummauerte Domareal mit Petrikapelle, dem Domensemble, den Domherrenhäusern und weiteren alten Gebäuden hat einen großen Reiz und zählt mit zu den schönsten Orten in der Mark Brandenburg.

Dom St. Peter und Paul mit Domklausur
Dom St. Peter und Paul mit Domklausur. Aufnahme von Westen. Von Gregor Rom – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0,
Domklausur Ostflügel
Domklausur Ostflügel von außen

Stadtkirche St. Nikolai

St. Nikolaikirche Ansicht der romanischen Basilika von Südost
St. Nikolaikirche: Ansicht der romanischen Basilika von Südosten

Vor dem Plauer Torturm liegt auf einem kleinen Hügel die Nikolaikirche. Sie wurde um 1170 als Pfarrkirche der Kaufmannssiedlung Luckenberg gegründet, verkehrsgünstig an der Handelsstraße Magdeburg – Lebus gelegen. Das Patrozinium an den heiligen Nikolaus, u. a. Schutzherr der Kaufleute, weist auf den Beruf der Siedler hin. Doch schon bald vereinigte man Luckenberg mit der Altstadt Brandenburg, denn zu diesem Zeitpunkt wäre die Existenz von zwei so nahe beieinanderliegenden Siedlungen für beide nicht profitabel gewesen. Nur wenige Jahrzehnte später sah die Situation bereits ganz anders aus. Wegen der anhaltenden Zuwanderung gründete man östlich der bestehenden eine weitere Stadt Brandenburg, die Neustadt, mit eigener Stadtmauer, Rathaus und Pfarrkirche. Über das gesamte Mittelalter bestand Brandenburg dann aus drei selbstständigen Verwaltungseinheiten: der Dominsel, der Altstadt und der Neustadt.

Baugeschichte

Stil

Die norddeutschen Backsteinbauten und ihre Schmuckformen haben einen eindeutigen Bezug zu entsprechender Architektur der Lombardei. Mönche und Klöster (in unserem Falle die aus Jerichow) verbreiteten sie im gesamten Backsteingebiet Nordeuropas. Speziell der Kreuzbogenfries mit den sich überschneidenden Rundbögen ist ein internationales Motiv, das insbesondere in England, Frankreich, Spanien und Italien anzutreffen ist. Seinen Ursprung hat er im islamischen Raum und kam über Spanien und Sizilien hierher. Da auch die Krypta des Brandenburger Doms und die des Klosters von Jerichow Entsprechungen in Oberitalien haben, ist der Kontakt brandenburgischer Baumeister mit Bauleuten von jenseits der Alpen nicht von der Hand zu weisen.

Hochromanik

Zunächst entstand die Ostseite der Nikolaikirche im Stil der Hochromanik. Bei der Wahl des Baumaterials konnte man wohl auf die Ziegelproduktion der Dombauhütte zurückgreifen, was den Bau sicherlich erleichterte. An der Apsis wird eine Bauunterbrechung durch die unterhalb des Daches abbrechenden Halbsäulen und den fehlenden Rundbogenfries sichtbar, an den Ostteilen können wir am Verlauf des einfachen Rundbogenfrieses erkennen, an welchem Punkt die Bauarbeiten unterbrochen wurden, nämlich am Übergang des Chors zum Schiff. Der Grund dafür lag an der Eingemeindung Luckenbergs und der Fertigstellung der Gotthardkirche, deren Größe für die Einwohnerschaft der gesamten Altstadt mehr als ausreichend war, außerdem lag die Nikolaikirche jetzt außerhalb der Stadtmauer.

St. Nikolaikirche. Ansicht von Ost auf Apsis und Nebenapsis
Ansicht von Osten auf Apsis und südliche Nebenapsis, die nördliche wird durch die Sakristei verdeckt
St. Nikolaikirche Hauptschiff und südliches Seitenschiff mit Nebenapsis
Hauptschiff und südliches Seitenschiff mit Nebenapsis
Romanisches Kreuzbogenfries (unten) am südlichen Seitenschiff und Spitzbogenfries.
Romanischer Kreuzbogenfries (unten) am südlichen Seitenschiff und Winkelfries

Spätromanik

Erst nach längerer Unterbrechung baute man die Kirche zu Ende, jetzt im Stil der Spätromanik, erkennbar an den gedrückten Spitzbögen der Arkaden im Innern. Es entstand eine querschifflose Basilika mit Apsis und Nebenapsiden an den Seitenschiffen und einem Westturm, entsprechend dem Typ der Stadtkirchen der zweiten askanischen Besiedlungswelle, wie sie östlich von Berlin um 1250 entstanden (siehe Oderland/Uckermark-Route, aber auch im Jerichower Land). Aufgrund der frühen Bauzeit ist St. Nikolai vielleicht sogar das Vorbild dieser Bauten.

St. Nikolaikirche Ansicht von Südwest.
Ansicht von Südwesten
St. Nikolaikirche Rundbogenfries an der Nordwand des Hauptschiffs
Rundbogenfries an der Nordwand des Hauptschiffs
St. Nikolaikirche. Ansicht romanischen Basilika von Norden
Ansicht von Norden

Niedergang

Das ungünstige Faktum, dass St. Nikolai außerhalb der Stadtmauer der Altstadt lag und der Pfarrei von St. Gotthard zugeschlagen wurde, beeinflusste ihr späteres Schicksal negativ. Zunächst erfährt man aus den Chroniken nichts, aber zur Raubritterzeit im 15 Jh. war sie zur Ruine verkommen und diente z. B. den Quitzows als Basis für einen Überfall auf Brandenburg.

Nach dem Wiederaufbau 1467 erhielt sie zeitweilig einen eigenen Priester, wurde aber nach der Reformation nur noch als Friedhofskapelle benutzt, in die man Erbbegräbnisse einbaute. Wegen mangelhafter Unterhaltung drohte ihr 1845 sogar der Abriss, aber 1901 erfolgte schließlich die erste umfangreiche Renovierung seit dem 15. Jahrhundert. Die Grabeinbauten wurden beseitigt und die romanischen Rundbogenfenster wiederhergestellt.

Im Jahre 1945 wurde St. Nikolai von einer Sprengbombe getroffen, die die Westfassade mit Turm und die Dächer zerstörte. Zwar wurde sie von der St. Gotthard-Gemeinde mit viel Engagement wiederaufgebaut, auf Dauer jedoch war die Gemeinde außerstande, zwei Kirchen zu unterhalten. Deshalb wurde das Gebäude 1975 ausgeräumt und nicht mehr genutzt. Vandalismus und Witterungseinflüsse führten wieder zu einem desolaten Zustand. Schließlich übernahm es die katholische Kirche und führte es einer neuen Nutzung zu: Als Gebets- und Gedenkstätte für die Opfer ungerechter Gewalt dient die Kirche nunmehr der regelmäßigen Feier des Gottesdienstes, der ökumenischen Begegnung und anderen kirchlichen Zwecken.

Äußeres

Durch die Wiederherstellungsarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg hat St. Nikolai jetzt ein sehr schönes, geschlossenes romanisches Erscheinungsbild. Die Kirche erhebt sich vor dem Plauer Tor auf dem Grün des ehemaligen Friedhofs. Die Ostansicht zeigt Apsis und Nebenapsis, sowie einen Sakristeianbau, der die Nordapsis teilweise verdeckt. Diese Sakristei war, wie an den Fundamenten erkennbar, von von Anfang an Bestandteil des Gebäudes.

St. Nikolaikirche. Ansicht der romanischen Backstein-Basilika von Nordost
Ansicht von Nordosten mit Baunaht nach dem dritten Chorfenster. In der Mitte der kreisrunden Obergadenfenster ein rautenförmiges.

Die hochromanischen Bauteile im Osten (Apsis und Chor mit seinen drei rundbogigen Fenstern auf jeder Seite) heben sich deutlich ab vom basilikalen Langhaus mit seinen kreisrunden Fenstern im Obergaden. Im Chor gibt es eine (vermauerte) Priesterpforte , während in den Seitenschiffen Gemeindepforten existieren (die südliche vermauert). Der Westteil ist durch das hellere Baumaterial sowie seine eigenwillige Form leicht als Neubau zu identifizieren.

St. Nikolaikirche Westfassade
Westfassade
St. Nikolaikirche romanisches Westportal
Romanisches Westportal
St. Nikolaikirche Detail Westfassade
Detail Westfassade

Inneres

Im Innern kann man erkennen, dass die älteren Ostteile mit rechteckigen Kreuzgewölben gedeckt sind. Hier befindet sich der rundbogige Triumphbogen in dem ein Triumphkreuz aus dem 16. Jh. steht. (Als Leihgabe aus dem Rheinland gibt es hier auch einen romanischen Taufstein aus dem 12. Jh.) Direkt nach der Fertigstellung des Chors trat die Bauunterbrechung ein und der Weiterbau des dreischiffigen Langhauses (ohne Gewölbe) erfolgte erst nach längerer Pause. Der Stil ist jetzt spätromanisch, der Anschlussbogen ans Schiff und dessen Arkaden weisen bereits gedrückte Spitzbögen auf. Der Gesamteindruck mit flacher Holzbalkendecke, schweren Formen und wenig Licht im Innern bleibt dennoch ganz romanisch. Die kleinen Obergadenfenster sind – einmalig in Brandenburg – kreisrund, nur auf der Nordseite ist eines als Rhombus ausgebildet.

St. Nikolaikirche Innenansicht Hauptschiff nach Osten
Innenansicht Hauptschiff nach Osten. Von Gregor Rom – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0,

Grundriss

Brandenburg St. Nikolai, Grundriss nach Georg Dehio, gemeinfrei.
Brandenburg St. Nikolai, Grundriss nach Georg Dehio, gemeinfrei.

Infobox


Adressen

Karte wird geladen, bitte warten...

Empfohlene Route

Westliche Route

Offizielle Websites

St. Gotthardt

Dom St. Peter und Paul

St. Nikolai